Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

9.  Friedrich  List.  Charakteristik.

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denken."  So  waren  die  Ideen,  die  List  brachte,  nichts  neu  Erfundenes,  aber  die  Verbindung, ­
  die  Anwendung,  die  praktische  Richtung,  die  populäre  Verbreitung,  die  er
ihnen  gab,  war  nur  sein  Werk,  und  die  unermeßlichen  Kräfte,  die  er  damit  weckte,
nur  sein  Verdienst.  Wie  viel  beschämender  für  die  Vorgänger,  wenn  alles  das  treffliche ­
  Material  bereits  vorhanden  war  und  erst  ein  List  kommen  mußte,  um  es  dem
verborgenen  Schachte  zu  entlocken  und  zum  fruchtbaren  Gemeingute  der  Nation  zu
machen?!  Wie  viel  niederschlagender  für  sie,  wenn  sie  die  populären  Wirkungen,  die
s  i  e  seit  Menschenaltern  geübt,  mit  den  großartigen  Erfolgen  verglichen,  die  List
nur  in  den  letzten  sechs  Jahren  seiner  Wirksamkeit  errungen  hatte!
Der  schroffe  Ton,  in  welchem  er  seine  Sache  durchfocht,  entsprang  aus  der  Lebhaftigkeit ­
  und  dem  Ernst  seiner  Überzeugung,  nicht  aus  seinem  innersten  Wesen.  List
war  eine  weiche,  gemütvolle  Natur,  voll  argloser  Hingebung  an  die  Freunde,  voll
aufopfernder  Liebe  für  die  Seinigen,  aufrichtig,  vertrauensvoll  und  herzlich,  in  seinen
gesunden  Tagen  von  unverwüstlicher  Heiterkeit  und  reich  an  dem  schalkhaften  schwäbischen ­
  Humor,  der  auch  aus  einzelnen  seiner  polemischen  Schriften  herausklingt.
Von  der  gutmütigsten  und  wohlwollendsten  Art,  hatte  er  immer  nur  die  Sachen,  nie
die  Personen  im  Auge;  es  konnte  ihm  ein  Gegner,  dem  er  hart  mitgespielt,  vor  die
Augen  treten,  und  er  fand  bei  List  eine  joviale,  herzliche  Ausnahme.  Erst  die  späteren
Tage  der  Verkennung  und  Anfeindung,  der  körperlichen  und  gemütlichen  Leiden
störten  jene  heitere  Stimmung;  das  früher  so  hingebende  Vertrauen  schlug  dann
nicht  selten  in  Mißtrauen,  der  leichte  und  muntere  Sinn  in  trübe,  melancholische  Verbitterung ­
  um.  Nur  denen,  die  ihm  nahe  standen,  den  Seinigen  besonders,  war  er
aber  auch  in  den  Tagen  der  tiefsten  Leiden  der  liebevolle  Freund,  Gatte  und  Vater
und  zwang  sich,  den  innern  Schmerz  unter  dem  Gewand  einer  erkünstelten  Ruhe  zu
verhüllen.
Jene  heitere  Frische  und  Beweglichkeit  des  Geistes  machte  seinen  persönlichen
Umgang  und  seine  Unterhaltung  überaus  anziehend.  Immer  neu  und  eigentümlich,
übersprudelnd  von  schöpferischen  Gedanken  und  Entwürfen,  wirkte  er  auf  alle,  die  ihm
so  näher  kamen,  erweckend,  anspornend  und  befruchtend;  er  ließ,  wie  man  von  einem
großen  antiken  Redner  sagte,  immer  einen  Stachel  in  der  Seele  des  andern  zurück.
Diese  lebendige,  erweckende  Kraft  lag  auch  in  seiner  Darstellung;  es  war  eine  mächtige, ­
  hinreißende  Volksberedsamkeit,  die  aus  seinen  Aufsätzen  heraussprach.  In  seinen
Artikeln,  sagte  Laube  sehr  treffend,  war  mehr  als  bloßes  Wissen  und  bloßer  Beweis,
es  war  ein  drangvolles,  den  Leser  zwingendes  Leben  in  diesen  Aufsätzen,  ein  voller,
gewaltiger  Mensch  ordnete,  regierte,  trieb,  unterwarf  uns  hinter  diesen  Zeilen  und
Sätzen,  welche  stets  in  künstlerischer  Form  stiegen  und  schwollen  und  am  Ende  des
Artikels  stets  die  höchste  Höhe  des  Ausdrucks  erreichten.  Wen  sie  nicht  überzeugten,
den  rissen  sie  fort,  und  wen  sie  nicht  fortrissen,  den  bestürzten  sie.  Es  focht  in  Lifts
Worten  ein  Genius,  welcher  leider  ziemlich  ungekannt  ist  unseren  Zeitungen  politischen ­
  Themas.  Nichts  war  trocken  in  Lifts  Behandlung!  Und  wenn  man  obenein
weiß,  daß  er  über  hundert  Gesichtspunkte  nicht  sprach,  absichtlich  nicht  sprach,  weil
er  sparen  gelernt  hatte,  um  zu  wirken,  wenn  man  aus  dem  persönlichen  Verkehr  mit
ihm  erkannte,  daß  gerade  die  von  ihm  verschwiegenen  Gesichtspunkte  die  ergiebigsten,
die  den  Patrioten  wie  den  Mann  des  Fortschritts  entzückendsten  sind,  dann  hatte  man
doppelt  zu  bewundern:  die  Fülle  des  Inhalts  und  die  weise  Beschränkung  in  dem,
was  eben  zu  äußern,  was  eben  auszuführen  war.
In  einem  politisch  reifen  Lande,  wo  nicht  erst  der  Boden  umzuroden  und  die
Wege  zu  bahnen  waren,  hätte  ein  solches  Streben  auch  seine  äußere  Anerkennung
gefunden;  mächtige  Parteien  hätten  einen  solchen  Mann  getragen,  die  Natton  ihm
den  Wirkungskreis  angewiesen,  der  solchen  Kräften  entsprach.  Er  hätte  dort  in
einem  Parlamente  oder  am  Ministertische  seine  Stelle  gefunden;  eine  einzige  der
            
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