Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

470  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  II.  Industriestaat.

Rohstoffstaaten  von  heute  sich  „industrialisieren",  würden  künftig  die  Fabrikate,  die  sie
jetzt  von  den  Industriestaaten  beziehen,  selbst  erzeugen,  die  Materialien  und  Lebensmittel, ­
  die  sie  jetzt  nach  den  Industriestaaten  senden,  selbst  verarbeiten  und  verbrauchen: ­
  und  demgemäß  würde  in  den  Industriestaaten  von  heute  die  Exportfabrikation ­
  wieder  eingeschränkt,  dagegen  die  Rohstoffproduktion  wieder  ausgedehnt  werden
müssen.
Allein  selbst  wenn  die  Behauptung,  daß  Industrialisierung  der  Rohstoffstaaten
ein  Schwinden  des  Exports  der  Industriestaaten  bedeute,  voll  und  ganz  zuträfe,  dürfte
Westeuropa  solcher  Rückbildung  seiner  Volkswirtschaft,  da  sie  nur  allmählich  vor  sich
gehen  würde,  gelassen  entgegensehen.
In  Wahrheit  ist  aber  jene  Behauptung  —  sofern  sie  ihren  Inhalt  als  gewiß,
nicht  bloß  als  möglich  setzt  —  überaus  anfechtbar.  Sie  beruht  auf  einem  Jrrtuni,
einem  allerdings  historisch  ehrwürdigem  Irrtum;  denn  er  gehört  zu  denen,  welche  das
sozialökonomische  Denken  als  eine  der  Eierschalen  seines  Ursprunges  in  der  Zeit  der
„Handelseifersucht"  bis  heute  mit  sich  fortschleppt.
„Ein  Volk  kann  an  Reichtum  nur  gewinnen,  wenn,  und  nur  so  viel  gewinnen,
wie  ein  anderes  verliert."  Im  Bann  dieser  Anschauung  stand  die  überwiegende
Mehrzahl  der  Staatsmänner  und  Publizisten  der  merkantilistischen  Ära.  Voll  grimmigen ­
  Neides  blickte  jede  Nation  auf  die  aufstrebenden  Nachbarn,  suchte  die  industrielle
Entwickelung  der  Länder,  die  ihr  bisher  Absatzgebiete  gewesen  waren,  —  gleichviel,  ob
fremde  Staaten  oder  eigene  Kolonien  —  um  jeden  Preis  niederzuhalten,  z.  B.  dadurch,
daß  sie  der  Ausfuhr  von  Kapitalien,  Arbeitskräften,  Maschinen  wehrte.
Es  war  eine  der  geistigen  Großtaten  des  jungen  Liberalismus  (D.  Hume,
Ad.  Smith),  daß  er  die  theoretische  Basis  dieser  Politik  der  „Handelseifersucht"  zerstörte, ­
  —  daß  er  die  Doktrin  von  der  absoluten  Disharmonie  der  wirtschaftlichen
Interessen  der  Völker  verneinte.
„Im  Verhältnis,  wie  die  Bewohner  eines  Landes  wohlhabender  und  geschickter
werden,"  —  heißt  es  bei  Hume  —  „steigern  sich  ihre  Bedürfnisse;  je  mehr  sie  selbst
produzieren,  je  größer  die  Menge  austauschfähiger  Dinge,  die  sie  hervorbringen,  desto
mehr  können  und  werden  sie  von  den  Bewohnern  anderer  Länder  kaufen,  desto
bessere,  kauffähigere  Kunden  für  diese  werden.  ...  Die  nationale  Industrie  eines
Volkes  kann  selbst  durch  den  größten  Wohlstand  seiner  Nachbarn  keinen  Schaden
nehmen.  .  .  .FallsfreierVerkehr  zwischen  ihnen  besteht,  wird  die  nationale
Industrie  einer  jeden  Nation  durch  die  zunehmende  Kultur  aller  anderen  eine  Steigerung ­
  erfahren."
„Freimütig  will  ich  gestehen,"  —  so  schließt  der  berühmte  Essay  über  die
„Handelseifersucht"  —,  „daß  ich  nicht  nur  als  Mensch,  sondern  auch  als  Engländer
den  wirtschaftlichen  Fortschritt  Deutschlands,  Spaniens,  Italiens  und  selbst  Frankreichs" ­
  —  des  Feindes  —  „wünschte;  England,  wie  alle  übrigen  Nationen  würden
blühender  sein."
Wenden  wir  diese  Sätze  auf  die  Doktrin  von  der  „rückläufigen  Bewegung"  an,
deren  theoretische  Basis  genau  die  gleiche  ist  wie  die  der  Politik  der  „Handelseifersucht".
Wenn  die  Rohstoffstaaten  von  heute  künftig  industriell  emporkommen,  wenn  sie
gewisse  Fabrikate,  die  sie  jetzt  schon  produzieren,  und  andere  Fabrikate,  die  sie  heute
noch  nicht  produzieren,  so  billig  zu  erzeugen  lernen  werden,  daß  bezüglich  jener  wie
dieser  die  Konkurrenzfähigkeit  der  Industriestaaten  aufhört,  so  m  u  ß  natürlich  in  den
betreffenden  Exportindustrien  Westeuropas  eine  rückläufige  Bewegung  sich  einstellen, ­
  welche  für  die  Kapitalisten,  Unternehmer,  Arbeiter,  die  in  ihnen  tätig  waren,
fatal  ist.  Nicht  aber  muß  die  „Exportindustrie"  Westeuropas  als  ganze  zusammenschrumpfen.
  Ist  auch  das  R  e  n  t  a  b  i  l  i  t  ä  t  s  Interesse  gewisser  Berufsgruppen
durch  das  Emporkommen  der  „Industrie"  in  den  Rohstoffstaaten  bedroht,  so  dagegen
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.