Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

3.  über  Die  Bedeutung  einer  Industrialisierung  der  heutigen  Rohstoffstaaten  rc.  471
nicht,  wenigstens  nicht  notwendigerweise,  das  P  r  o  d  u  k  t  i  v  i  t  ä  t  s  intereffe  der
Völker.  Im  Gegenteil:  es  kann  fein,  daß  neue,  die  Produktivität  der  nationalen
Arbeit  hier  wie  dort  steigernde  Bildungen  des  Verkehrs,  neue  Formen  der  Arbeitsteilung ­
  zwischen  den  einstigen  Rohstofsstaaten  und  den  Industriestaaten  sich  bilden.
Nur  eine  Verschiebung  innerhalb  der  „Exportindustrie"  der  letzteren  muß  eintreten. ­
  Daß  ein  Rückgang  eintreten  werde,  ist  nichts  weniger  als  gewiß.
Der  Grundfehler  der  Doktrin  von  der  „rückläufigen  Bewegung"  liegt  darin,  daß
sie  mit  dem  allgemeinen  Begriffe  „Exportindustrie",  bez.  „Industrie"  operiert.  Ein
Plus  an  gewissen  Industrien  in  den  Rohstoffstaaten  wird  ein  Minus  an  gewissen
Exportindustrien  in  den  Industriestaaten  zum  Korrelat  haben,  aber  Wachstum  der
„Industrie"  dort  verträgt  sich  durchaus  nicht  nur  mit  Aufrechterhaltung,  sondern  mit
Wachstum  der  „Exportindustrie"  hier.
Oft  genug  schon  haben  warnende  Finger  das  Mene  Tekel  an  die  Wand  des
westeuropäischen  Jndustriepalastes  geschrieben,  —  er  steht  aber  noch  immer.
Die  Industrialisierung  der  Rohstoffstaaten  von  einst  ist  weiter  und  weiter  vorgeschritten. ­
  Aber  nicht  in  den  „Kongonegern"  Engels'  oder  den  „Antipoden"  Oldenbergs
  haben  die  alten  Industriestaaten  die  Ersatzmänner  der  ihnen  durch  jene  Entwickelung
  verloren  gegangenen  Abnehmer  gewisser  Fabrikate  sich  suchen  müssen,  —
sie  haben  sie  vielmehr,  großenteils,  gefunden  in  den  kaufkräftiger  gewordenen
Konsumenten  der  Völker,  deren  gewerbliches  Emporkommen  man  in  England  und
Frankreich  einst  fürchten  zu  müssen  wähnte,  —  Deutschlands,  Belgiens,  der
Schweiz.  Die  neuen  Industriestaaten  sind  den  alten  Industriestaaten  bessere
Kunden  geworden,  als  jene  einst  als  Rohstoffstaaten  waren.  Eine  gewaltige
Quote  des  Gesamthandels  in  industriellen  Produkten  bewegt  sich  zwischen  alten  und
neuen  Industriestaaten  und  zwischen  diesen  und  dem  „Agrikultur-Manufakturstaat"
Nordamerika,  den  zu  hindern,  daß  er  „auch  nur  einen  Nagel"  selbst  fabriziere,
zur  Zeit  der  Handelseifersucht  das  eifrigste  Bestreben  des  Mutterlandes  gewesen  war.
ss.  oben  S.  76.j
Der  Fortschritt  der  gewerblichen  Expansion  der  Rohstoffstaaten  hat  bisher  für
keinen  Industriestaat  einen  dauernden  Rückgang  des  Fabrikatenexports  zur  Folge
gehabt,  —  wenn  der  französische  seit  Anfang  der  neunziger  Jahre  lahm  geht,  so  liegt
die  Schuld  nicht  am  Emporkommen  der  Fabrikation  in  anderen  Ländern,  sondern
am  System  Möline,  das  mit  seinen  Hochschutzzöllen  den  Import  minderte  und  zugleich,
wie  notwendig,  den  Export.
Die  rückläufige  Bewegung  der  „Exportindustrie"  Westeuropas  ist  ausgeblieben;
es  hat  sich  an  ihr  das  alte  Sprichwort  bewahrheitet,  daß,  wer  fälschlich  totgesagt  wird,
recht  lange  lebt.  Nur  eine  Verschiebung  innerhalb  der  Exportindustrie  ist  eingetreten; ­
  heute  gelangen  vielfach  andere  Arten  von  Fabrikaten,  bezüglich  andere
Sorten  der  gleichen  Fabrikart  —  andere  „Nummern",  Qualitäten  —  zum  Export
als  früher.
Gewisse  Exportindustrien  haben  dadurch,  daß  die  bisherigen  Kunden  die
Fabrikation  selbst  in  die  Hand  nahmen  und  den  Weltmarkt  betraten,  Einbußen  erlitten; ­
  so  z.  B.  die  englische  Drahtstiftindustrie  durch  die  Entwickelung  der  deutschen,
die  englische  Maschinenindustrie  —  besonders  die  Industrie  landwirtschaftlicher  Maschinen ­
  —  durch  die  Entwickelung  der  nvrdamerikanischen,  die  englische  Garnindustrie
in  gewissen  „Nummern"  durch  die  Entwickelung  der  deutschen,  Schweizer  usw.  Dafür
haben  andere  einen  Zuwachs  erfahren,  und  sind  zahlreiche  neue  erblüht.  Für  die
alten  Industriestaaten  hat  die  Industrialisierung  gewisser  Rohstoffstaaten  keinen  Bruch
des  Verkehrs,  kein  Aufhören  der  Arbeitsteilung  mit  diesen  nach  sich  gezogen.  Der
Verkehr  ist  gestiegen,  die  Arbeitsteilung  hat  sich  nur  gewandelt,  hat  sich  vervollkommnet ­
  durch  immer  exaktere  Anpassung  der  Exportindustrie  an  die  den  Ländern  spezifi-
            
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