Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

5.  Der  Plan  einer  mitteleuropäischen  Zollunion.  485

und  Argentinien  der  Fall  —-  schutzlos  der  überlegenen  nordamerikanischen  ausgeliefert,
und  für  den  Verzicht  auf  eine  eigene  industrielle  Entwickelung  würden  sie  nicht  einmal
den  Vorteil  der  billigsten  Deckung  ihres  Bedarfs  an  Jnduftrieerzeugniffen  erkaufen,
da  sie  ja  die  durch  die  Absperrung  verteuerten  nordamerikanischen  Fabrikate  abzunehmen ­
  gezwungen  würden.
Soviel  gegenseitige  Feindschaft  auch  unter  den  südamerikanischen  Staaten
besteht,  es  ist  mit  ziemlicher  Sicherheit  anzunehmen,  daß  ein  gewaltsamer  Versuch
der  nordamerikanischen  Union,  ein  Panamerika  zu  erzwingen,  sie  zu  geeinter  Abwehr
verbinden  würde,  und  so  gering  an  und  für  sich  die  Aussichten  auf  ein  gemeinsames
Handeln  der  europäischen  Staaten  sind,  ein  solches  Vorgehen  müßte  England,  Deutschland, ­
  Frankreich,  Österreich-Ungarn,  Italien,  Belgien  und  Holland  gemeinsam  in  die
Schranken  rufen.  Es  ist  denn  auch  wieder  ganz  still  geworden  mit  der  Forderung
eines  Panamerika.
Und  nicht  wesentlich  anders  liegt  es  mit  dem  Greater  Britain.  Denn  Englands
wahres  Interesse  liegt  in  der  Aufrechterhaltung  des  Freihandelssystems,  nicht  darin,
einen  Zollbund  mit  seinen  Kolonien  zu  bilden,  die  wiederum,  solange  England  am
Freihandel  festhält,  für  sich  gar  keinen  Vorteil  erzielen  können,  wenn  sie  seine  Waren
bei  der  Einfuhr  begünstigen.  England  ist  heute  nicht  mehr  vorwiegend  Industriestaat,
sondern  zum  Handelsstaat  vorgeschritten.  Es  ist  der  Bankier  und  der  Frachtführer
der  ganzen  Welt,  und  gegenüber  den  auch  hierin  kräftig  aufstrebenden  andern  Ländern,
vornehmlich  Deutschland,  vermag  es  diese  seine  Stellung  —  auf  der  vorwiegend  seine
wirtschaftliche  und  politische  Macht  beruht  —  nur  durch  den  Freihandel  ausrecht  zu  erhalten. ­
  Jede  Beschränkung  durch  eigene  Zölle  würde  seinen  Handel  erschweren,  ihm
den  Vorsprung,  den  es  durch  die  völlige  Freiheit  der  Bewegung  vor  andern  Völkern
voraushat,  rauben.  In  Wirklichkeit  hat  auch  der  Gedanke  des  „fair  kracke"  in
England  sehr  wenig  Boden,  und  das  Greater  Britain  ist  ein  schönes  Wort,  an  dem
sich  manche  Leute  berauschen,  dessen  Verwirklichung  sie  aber  energisch  bekämpfen
würden,  sobald  sie  sich  seine  Konsequenzen  klarmachen  würden.
Nun  ist  zuzugeben,  daß  die  Völker  nicht  immer  das  tun,  was  ihren  Interessen
entspricht;  namentlich  in  Zeiten  leidenschaftlicher  politischer  Erregung  wird  leicht  ein
falscher  Schritt  getan;  auch  die  Entrüstung  über  ein  erlittenes  Unrecht  kann  dazu
führen.  Man  muß  demnach  die  Möglichkeit,  daß  England  einen  solchen  Schritt  unternehmen ­
  könne,  nicht  aus  dem  Auge  lassen,  und  da  dies  für  uns  von  großen  wirtschaftlichen ­
  Nachteilen  begleitet  sein  würde,  so  ist  es  nur  klug,  wenn  unsererseits  alles
vermieden  wird,  was  die  Bewegung  für  fair  trade  und  für  Greater  Britain
fördern  könnte.  Das  würde  aber  unzweifelhaft  geschehen,  wenn  wir  andern  Staaten
durch  eine  Zolleinigung  größere  Vorteile  auf  dem  deutschen  Markt  als  England  gewähren ­
  würden,  wenn  —  wie  es  vom  Verein  Süddeutscher  Baumwollindustrieller
gelegentlich  der  Kündigung  des  deutsch-englischen  Handelsvertrags  beantragt  worden
war  —  wir  England  nicht  die  volle  Meistbegünstigung  gewährten;  eine  Forderung,
die  übrigens  selbst  von  den  anderen  Verbänden  der  Textilindustrie  bekämpft  worden  ist.
Selbst  Rußland  hat  aber  eingesehen,  daß  es  aus  seiner  starren  Isolierung
heraustreten  und  den  Güteraustausch  mit  andern  Nationen  pflegen  muß.  Dieses  vorwiegend ­
  Rohstoffe  exportierende  Land  war  1894  geradezu  gezwungen,  die  handelspolitische ­
  Verständigung  mit  Deutschland  zu  suchen,  und  wenn  es  sich  noch  so  sehr  vergrößert, ­
  es  kann  deshalb  auf  den  Warenaustausch  nicht  verzichten,  sondern  muß  ihn
in  steigendem  Maße  pflegen.
Was  hätte  aber  nun  Deutschland  für  Vorteile  von  einer  solchen  Zollunion?  Es
stt  eine  bekannte  Tatsache,  daß  70  %  unseres  Außenhandels  den  Seeweg  benutzen;
wenn  auch  Staaten  wie  Frankreich,  Italien,  Rumänien,  die  Niederlande,  Belgien
daran  beteiligt  sind,  so  liegt  der  Schwerpunkt  des  Verkehrs  mit  diesen  doch  im  Land-
            
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