Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

24 Erster Teil. Deutsche Volkswirte, Kaufleute und Industrielle. 
Herzensgute und Liebenswürdigkeit nichts von dem bestrickenden Reize ein, den sie, 
verbunden mit dem Eindrucke außerordentlicher Klugheit, von jeher auf seine zahl 
reichen Freunde ausgeübt hatten. Auch mochte er Widerspruch wohl in so fern ver 
tragen, als er ihn nicht aufbrausend oder heftig machte und ihn nicht eigentlich 
verletzte. Daß aber seine politischen Überzeugungen, seine Ansichten von der Zweck 
mäßigkeit dieser oder jener Maßregel die einzig richtigen, ja möglichen seien, stand 
für ihn unerschütterlich fest. Doch muß der Anspruch, in seinem Kreise der Erste zu 
sein, dem sich die anderen unterzuordnen hätten, mit einer gewissen naiven Selbst 
verständlichkeit hervorgetreten sein, und vor starrem Doktrinarismus bewahrte ihn 
ein glücklicher Wirklichkeitssinn. Er hat es wiederholt ausgesprochen, es komme in 
der Politik nicht darauf an, das unbedingt und der Idee nach Beste zu erreichen, 
sondern unter verschiedenen Möglichkeiten diejenige zu ergreifen, welche dem gewollten 
Ziel mehr als die anderen zustrebe, oder zwischen verschiedenen Übeln das geringere zu 
wählen. So ließ er sich durch die Meinungen und Beweisführungen anderer selten 
oder nie aus der einmal eingeschlagenen Richtung drängen, wohl aber war er leicht 
bereit, die Taktik zu wechseln, wenn die Tatsachen und anderen Voraussetzungen sich 
änderten, welche für die Wahl der Mittel bestimmend gewesen waren. Seinem 
beweglichen Geiste war eine Reihe unschätzbarer staatsmännischer Gaben eigen, vor 
allem: das Vermögen rascher Orientierung auch unter den verwickeltesten Verhältnissen 
und der Wahl von zweckmäßigen Mitteln für ein erreichbares Ziel; das Vertrauen 
in die eigene Kraft und eine gewisse angeborene Herrschergabe. Dagegen war seine 
Menschenkenntnis keine untrügliche. Wohl hatte er wiederholt die rechten Männer 
an den rechten Platz gesetzt; aber auch an Enttäuschungen hatte es in dieser Beziehung 
nicht gefehlt. 
11. Hermann Schulze-Delitzsch. 
Von Viktor Böhmert. 
B ö h m e r t, Schulze-Delitzsch als Arbeiterfreund und Sozialreformer. In: Der Ar- 
beiterfreund. Herausgegeben von Böhmert in Verbindung mit Gneist. 21. Jahrgang. Berlin, 
Leonhard Simion, 1883. S. 161—162 und S. 180—181. 
Am 29. April 1883 schlossen sich im einfachen bürgerlichen Hause zu Potsdam 
die Augen eines Mannes, der nicht nur von seinen deutschen Volksgenossen, sondern 
auch von anderen Nationen als einer der verdientesten Vorkämpfer für soziale Re 
formen bis über sein Grab hinaus gefeiert werden wird. Hermann Schulze-Delitzsch 
gehört mit seiner Hauptwirksamkeit allen Völkern und Zeiten an. Seine genossen 
schaftlichen Schöpfungen werden sich erst in dem nächsten Menschenalter auch unter 
anderen Völkern weiter verbreiten und in Deutschland selbst immer mehr ausgebaut 
werden. Wenn aber auch die Formen des Genossenschaftswesens im Laufe der Zeit 
voraussichtlich noch viele Veränderungen durchmachen und noch manche andere 
Heilmittel zur Lösung der sozialen Frage mit mehr oder weniger Erfolg zur Anwen 
dung kommen werden, so wird doch die ganze Persönlichkeit von Schulze-Delitzsch, 
die Methode seines Schaffens, die bedächtige Wahl seiner Agitationsmittel und der 
Adel seiner Gesinnung unvergänglich in der Geschichte fortleben und vielen alten und 
jungen Kämpfern für eine friedliche und freiheitliche Entwicklung des Menschen 
geschlechts als leuchtendes Vorbild dienen. 
Das Geheimnis der Erfolge Schuhes liegt in seinem persönlichen selbstlosen Ein 
greifen, in seinem praktischen Beginnen mit kleinen engen Gewerbskreisen und in
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.