512 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. IV. Deutsche Handelspolitik.
Ihrer ganzen inneren wirtschaftlichen Struktur und damit ihrem Bedarf
nach kann man die Vereinigten Staaten von Amerika zu Europa zählen; dann
ergibt sich, daß unsere Ausfuhr in der Hauptsache nach den Kulturstaaten geht, und
daß wir in ihnen unsere Hauptabnehmer zu sehen haben. Das Wachstum der
Ausfuhr betrug in Gruppe 1: 1334,—, in Gruppe 2: 298,9 Millionen Ji. Die
deutsche Ausfuhr besteht vorwiegend in Jndustrieprodukten, die in den letzten Jahren
gegen 90°.« der gesamten Ausfuhr betrugen (Fabrikate allein QT’h).
Im Spezialhandel betrug die Einfuhr (ohne Edelmetalle) in Millionen Jl.
1905 1906 1907 1908 1909 1910
Gesamteinfuhr 7436,3 8028,9 8748,7 7666,6 8526,9 8934,1
davon kamen auf die
1. Einfuhr aus Europa und den
Vereinigten Staaten 5637,6 5095,6 6468,1 5610,5 6223,8 6384,4
2. Einfuhr aus Afrika, Asien,
Amerika (ohne Ver. St.) und
Australasien 1798,7 2933,3 2280,6 2056,1 2303,1 2549,7
Der Anteil der Gruppe 2 an der Einfuhr ist größer als an der Ausfuhr, er
gibt den Ausschlag bei der passiven Handelsbilanz des Deutschen Reichs. Von der
Einfuhr nehmen die Rohstoffe für Jndustriezwecke und die Halbfabrikate reichlich
die Hälfte — gegen 56°/« — ein, die Nahrungs- und Genußmittel machen ein
Viertel — 25—27“/« — aus; Fabrikate gegen 15'7o und Vieh gegen 3°/».
Erst wenige Jahrzehnte sind, seitdem die neuen Handelsverträge in Kraft
getreten find, verstrichen; ein abschließendes Urteil läßt sich noch nicht fällen, wohl aber
weist der allgemeine Aufschwung des deutschen Außenhandels darauf hin, daß die
Befürchtungen, mit denen die Industrie der Zukunft entgegensah, nicht gerechtfertigt
waren. Die deutsche Volkswirtschaft weitet sich nach allen Seiten, immer neue
Kräfte durchströmen sie, und seit 1900 ist es ihr gelungen, ohne tiefgreifende
Schädigung alle wirtschaftlichen Konjunkturschwankungen zu überwinden. Ein
Zeichen einer gesunden, blühenden Volkswirtschaft! Und nicht zum wenigsten dürfte
alles dies auf die Sicherung, die unser Außenhandel durch die Bülowschen Handels
verträge erlangt hat, zurückzuführen sein.
1v. Die Zukunft der deutschen Handelspolitik im Geiste
Friedrich Lifts.
Von Walter Lotz.
L o tz, Die Ideen der deutschen Handelspolitik von 1860 bis 1891. Leipzig, Duncker &
Humblot, 1892. S. 193—198.
Zwei Dinge habe ich*) dem deutschen Volke vor allem zu lehren gesucht; zwei
Gedanken waren es, denen ich mein Leben weihte. Sind euch, den glücklichen Erben
der Frucht unserer mühevollen Arbeit, diese Ideen in Fleisch und Blut übergegangen?
Seid ihr euch genug eurer Nationalinteressen bewußt, um diese Ideen in eurer heutigen
Handelspolitik in die Wirklichkeit zu übersetzen?
Das erste, was ich euch lehrte, ist: Freihandel und Schutzzoll sind keine ab
soluten Lösungen. Es kommt auf die historische Entwickelungsstufe eines Volkes an.
Wißt ihr, in welcher Entwickelungsstufe ihr euch jetzt befindet?
*) L o tz führt in seinen „Ideen" L i st redend ein. — G. M.