Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

514  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  IV.  Deutsche  Handelspolitik.

Wohl  ist  es  denkbar,  daß  ein  schwerer,  unglücklicher  Krieg  eine  Nation  zurückwirft ­
  um  Jahrhunderte  und  sie  zwingt,  von  vorne  die  wirtschaftliche  Entwickelung
zu  beginnen,  wie  es  Deutschland  nach  dem  Dreißigjährigen  Kriege  versuchen  mußte.
Ihr  aber  hattet  einen  erfolgreichen  Krieg  hinter  euch,  der  eure  Entwickelung
nicht  gehemmt,  sondern  beschleunigt  hatte.
Nichts  konnte  mich  daher  mehr  überraschen,  als  daß  die  einen  die  Politik  von
1879  aus  dem  Tarife  von  1818  motivierten,  der  für  gänzlich  andere  Verhältnisse  und
unter  anderen  Bedingungen  erlassen  war,  die  andern  aber,  und  darunter  geschichtskundige ­
  Gelehrte,  aus  der  Schutzzollära  der  vierziger  Jahre  das  Abbild  für  die  Schutzzollära ­
  der  achtziger  Jahre  zu  gewinnen  suchten!
Wahrlich,  der  Vergleich  von  1818  und  1879  straft  sich  selbst  und  bedarf  keiner
Widerlegung.  Aber  auch  der  Vergleich  der  Schutzzollmaßregeln  von  1844  und  von
1879  ist  aller  geschichtlichen  Entwickelung  widerstreitend.
Als  ich  in  den  vierziger  Jahren  für  industrielle  Schutzzölle  eintrat,  da  galt  es,
erziehlich  zu  wirken,  den  kapitalarmen,  wenig  wagemutigen  deutschen  Unternehmer
zur  Anlegung  großgewerblicher  Betriebsstätten  zu  ermuntern.  In  der  Textilindustrie
war  es  erforderlich,  eine  Periode  lohnender  Verzinsung  demjenigen  zu  garantieren,
der  mechanischen  Betrieb  und  die  neuesten  Maschinen  einführte;  in  der  Eisenindustrie
galt  es,  den  Übergang  von  der  Holzfeuerung  zum  Koksbetrieb  zu  ermutigen,  ein
Erfolg,  der  nicht  sofort  beim  Einführen  des  Roheisenzolles,  sondern  erst,  als  die
rheinisch-westfälischen  Kohlenlager  erschlossen  wurden  und  die  Eisennachfrage  der
Bahnen  rechtzeitig  verwertet  ward,  völlig  erreicht  worden  ist.
Nur  subaltern  war  die  Rücksicht  auf  eine  anfangs  der  vierziger  Jahre  in  England ­
  herrschende  vorübergehende  Krisis,  welche  auch  in  Deutschland  die  Preise  drückte
und  unsere  noch  schwache  Industrie  gefährdete.
Ganz  anders  die  Zölle  von  1879!  In  einer  Menge  von  Gewerben  fähig,  mit
der  ganzen  Welt  zu  konkurrieren,  reich  mit  Kapital  gesättigt,  war  die  Industrie  zu
rasch  im  Vergleiche  mit  der  Nachfrage  aufgeschossen;  es  galt,  die  Nachwirkungen
einer  Krisis  zu  lindern,  deren  Ursachen  nicht  zum  mindesten  die  in  Deutschland  in
der  Gründerperiode  begangenen  Ausschreitungen  gesetzt  hatten.
Blicke  ich  selbst  zurück  auf  eure  Entwicklung,  so  ist  mein  Eindruck  ein  weit
anderer  als  der,  den  die  Vergleiche  mit  1818  oder  1844  erwecken  sollen.  Freilich
ist  nicht  mein  Standpunkt,  alles,  was  geschah,  als  vernünftig  zu  rechtfertigen,  vielmehr
lediglich  es  erklärbar  zu  finden.  Ich  deute  die  Geschichte  eurer  Entwicklung  nicht  aus
einer  Wiederholung  bereits  erlebter  Dinge,  sondern  im  Sinne  des  Fortschreitens,
freilich  des  sehr  auf  Umwegen  bewirkten.  Diese  Entwicklung  scheint  mir  so  zu  liegen:
Ihr  habt  die  Idee,  die  ich  euch  vor  fünfzig  Jahren  zurief:  Deutschlands  Zukunft  sei,
ein  exportierender  Industriestaat  zu  werden,  euch  noch  nicht  völlig  aneignen  wollen.
Deutschland  t  a  st  e  t  e  noch  in  der  Entwicklung  zwischen  Ackerbaustaat  und  Industriestaat, ­
  gerade  wie  England  nach  1815  noch  tastete,  und  mit  ähnlichen  Kämpfen  und
Gefahren.
Wie  wäre  es  sonst  erklärlich,  daß  nicht  in  erster  Linie  bisher  das  jeweilige
industrielle  Interesse  den  Ausschlag  in  eurer  Handelspolitik  gab,  sondern  daß  in  den
Koalitionen  die  Grundbesitzer  des  Ostens  die  Entscheidung  bestimmten?  Deutschland
war  freihändlerisch,  solange  die  Grundbesitzer  des  Ostens  freihändlerisch  interessiert
waren;  es  wurde  schutzzöllnerisch,  als  sie  schutzzöllnerisch  interessiert  wurden.
Und  doch  wäre  es  heute  ein  Anachronismus,  allein  von  diesem  Interesse  für  die
Zukunft  den  Ausschlag  geben  zu  lassen.  Denn  konntet  ihr  auch  zweifelhaft  sein  im
Jahre  1860,  als  noch  fünf  Achtel  des  Volkes  agrarisch  interessiert  waren,  konntet  ihr
zweifelhaft  sein  1879,  als  noch  eine  sehr  erhebliche  Minorität  der  Deutschen  landwirtschaftlich ­
  interessiert  war:  so  haben  sich  heute  die  Dinge  geändert.  Deutschland  kann
            
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