Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

11. Zur Geschichte der Eisenzölle. 
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nicht mehr im Zweifel sein, wohin sein Beruf es treibt, es opfert feine Zukunft, feine 
wirtschaftliche, feine politische und kulturelle Zukunft, wenn es nicht das Interesse 
der exportierenden Großindustrie in erste Linie stellt. Die Frage, ob Industriestaat 
oder Agrarstaat, ist nicht bloß eine Majoritätsfrage, sondern vor allem eine Frage 
der Entwicklungstendenz. Welches Interesse ist dasjenige, welches einen immer 
größeren Bruchteil der Nation um feine Fahne sammelt? Das Interesse, welches 
jährlich wachsende Millionen der Arbeiter lohnend zu beschäftigen vermag, ist das der 
Großindustrie; das Interesse, dessen Anteil an der Erzeugung des Volkswohlstandes 
der Minorität zustrebt, ist das agrarische. 
Jede andere Politik als die mit Rücksicht auf die Industrie unternommene.wird 
als Jnteressenpolitik für künstlich geschützte Minoritäten, wird als reaktionär auf die 
Dauer empfunden. Wielange sie haltbar ist, ist lediglich die Frage weniger Jahre. 
Heute gilt nicht mehr der Satz: „Hat der Bauer Geld, so hat's die ganze Welt!", 
sondern der Konsument der Zukunft, von dessen Zahlungskraft das Gedeihen der Ge 
werbe und auch mittelbar der Landwirtschaft abhängig ist, diese zukünftige Säule von 
Deutschlands Kraft ist der industrielle Arbeiter. 
Trotz des ausgiebigen Agrarschutzes, den die Getreidezölle gewähren, ist eine 
die Ausfuhr erheblich übersteigende Einfuhr agrarischer Produkte regelmäßig unent 
behrlich, eine Mehreinfuhr, die vom gesamten Weizenverbrauche nahezu 1 U, vom Ge 
samtverbrauch an Weizen, Roggen und Spelt bereits x /j beträgt. Dabei steht der 
Jahresverbrauch an Brotgetreide in Deutschland — soweit Ziffern dies erkennen 
lassen — unter dem normalen Satze. Würde durch Einfuhrfreiheit das Getreide ver 
billigt, so würde der Konsum höchstwahrscheinlich steigen, und zwar durch stärkere 
Mehreinfuhr. Die Mehreinfuhr würde normalerweise dann 1 / s — T /s des Gesamtoer 
brauches zu decken haben. 
Die Annahme, daß Deutschland durch Zollschutz so weit kommen könnte, all sein 
Getreide preiswürdig selbst zu erzeugen, die sich 1879 wohl noch als Grundlage eines 
Experimentes rechtfertigen ließ, sie hat sich als irrig erwiesen. Die Bevölkerung ist 
rascher gewachsen als die landwirtschaftliche Produktionsfähigkeit. 
Auch wenn es Deutschland versuchen wollte, auf seinen Export zu verzichten, sich 
in einen geschlossenen Handelsstaat zu verwandeln, wir könnten den größten Teil 
unserer Einfuhr nicht entbehren. Und womit sollen wir die Einfuhr decken, wenn 
nicht mit Exportwaren in erster Linie? 
Was ergibt sich hieraus? Ein Land mit fruchtbarstem Boden und stationärer 
Bevölkerung, ein Land des Zweikindersystems, kann es vielleicht ungestraft, vielleicht 
sogar erfolgreich im Augenblicke versuchen, sich handelspolitisch zu vereinsamen, nicht 
aber Deutschland. Unsere Hauptexportartikel sind nicht Luxus- und Modewaren, wie 
bei Frankreich, wo Vermehrung der Produktionskosten nicht unbedingt die Export 
fähigkeit verkümmern wird. Bei uns heißt es, Massenartikel erzeugen, und hier ist 
jeder kleine Unterschied der Produktionskosten von ausschlaggebender Bedeutung am 
Weltmärkte. 
11. Zur Geschichte der Eisenzölle. 
Von Max Sering. 
Erring, Geschichte der preußisch-deutschen Eisenzölle von 1818 bis zur Gegenwart. 
^ipZig, Duncker & Humblot, 1882. S. 259—263. 
Blickt man auf das Werden und Wachsen der deutschen Eisenindustrie, so gewährt 
es ein besonderes Interesse, die Verschiedenartigkeit der Mittel zu beobachten, deren 
sich die Handelspolitik zur Unterhaltung und Belebung dieser reichen Quelle von 
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