11. Zur Geschichte der Eisenzölle.
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Wohlstandes und schrittweisem Heranwachsen der Großindustrie nur langsam aus, bis
im Anfange der vierziger Jahre der lebhaft in Angriff genommene neue Eifenbahn-
bau Plötzlich große Massen von Eisen erforderte und sich nunmehr, zugleich veranlaßt
durch eine momentane Absatzkrisis in England, ein gewaltiges überwiegen der dor
tigen Eisenproduktion herausstellte. Diese beruhte seit dem Anfange des Jahrhunderts
auf der ausschließlichen Verwendung der Steinkohle, während die deutsche Schmiede
eisen- und in noch höherem Maße die Roheisenindustrie ganz überwiegend bei der
viel kostspieligeren Holzkohle arbeitete. Großbritannien hatte also einen großen tech
nischen Vorsprung voraus; die sehr bedeutende Steigerung des Eisenbedarfs in
Deutschland zu Anfang der vierziger Jahre kam allein der britischen Eisenindustrie zu
statten, die Eiseneinfuhr stieg in wenigen Jahren von 12 und 13 auf 52 und 55 %
des Gesamtbedarfs, die deutsche Eisenproduktion mußte fürchten, völlig unterdrückt zu
werden. Man sah sich daher nach einigem Zögern im Jahre 1844 genötigt, auf das
bisher zollfreie Roheisen einen Zoll zu legen, der zwar für die Arbeit bei Holzkohle
keinen ausreichenden Schutz gewährte, aber die Einführung des Koks- bezw. Stein
kohlenbetriebes wirksam zu befördern geeignet war. Der bisherige Zoll auf Stab
eisen wurde entsprechend erhöht. Die Erfolge dieser Maßregeln waren ungemein
günstige. Die Einführung des Koks- und Steinkohlenbetriebes, welche seinerzeit in
England ungefähr ein halbes Jahrhundert in Anspruch genommen hatte, vollzog sich
in Deutschland in der Hälfte dieser Zeit. Besonders nach der Aufhebung des die Wir
kung der neuen Eifenzölle wesentlich beeinträchtigenden Handelsvertrages mit Belgien
begann in der deutschen Eisenproduktion der allerlebhafteste Aufschwung und die
rührigste Arbeit. Steinkohlengruben wurden aufgebrochen, mit den Erzgruben durch
Schienenwege verbunden, die Werke selbst aus den Wald- in die Steinkohlendistrikte
verlegt, die technischen Einrichtungen derselben in vollkommenster Weise umgestaltet.
Der anscheinend kaum zu überwindende Vorsprung Großbritanniens konnte zu An
fang der sechziger Jahre als eingeholt gelten. Die Einfuhr ließ ganz bedeutend nach;
nur die Gießereien blieben mit ihrem verhältnismäßig geringen Bedarf an Gießerei
roheisen auf Schottland und England angewiesen.
Es war daher durchaus angebracht, daß man nunmehr den Zollschutz allmählich
herabsetzte und gleichzeitig dem Export, welcher bisher nur für die Eifenwarenindustrie
von größerer Bedeutung gewesen war, durch Abschluß von Handelsverträgen erhöhte
Sorgfalt zuwandte.
Reben der Konkurrenz der Werke innerhalb der wesentlich gelockerten Zoll
schranken wurde jetzt die gesteigerte Mitbewerbung aller Industriestaaten auf dem
Weltmärkte zum mächtigsten Antriebe jeder Gewerbtätigkeit, befördert vor allein
durch die großartige Ausbildung der modernen Verkehrsmittel.
Gleichzeitig vollzog sich jener für die gesamte Technik hochwichtige Vorgang,
welchen man nicht mit Unrecht den Anbruch des Zeitalters des Stahls genannt hat.
Die hierdurch bedingten Umwandlungen der Eisenindustrie wurden in Deutschland mit
großer Raschheit durchgeführt. Aber auch die übrigen Zweige blieben nicht zurück,
vielmehr betätigte sich allseitig der lebhafteste- Fortschritt, so daß die deutsche Eisen
industrie — abgesehen von einzelnen Branchen — jeder Konkurrenz die Spitze zu
bieten vermochte. Die Einfuhr hielt sich trotz der liberalen Zollreformen in engen
Grenzen, während die Ausfuhr sich ungemein ausdehnte und die deutsche Eisen
industrie immer fester in das große Getriebe des Welthandels eingriff. Rur ein
wesentlicher Mangel derselben stellte sich heraus: ihre Erze eigneten sich nicht zu der in
lebhafter Ausdehnung begriffenen Flußeisen- und Stahlbereitung. Es mußten große
Mengen ausländischer Erze bezogen werden, aber auch die Einfuhr von englischem
Bessemer-Roheifen nahm bedenklich zu, während andererseits der Verbrauch von
Puddelroheisen eingeschränkt wurde und die Gießereien nach wie vor sich hauptsächlich