Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

530  Fünfter  Teil.  Verkehr.  I.  Zur  Geschichte  des  Verkehrs.

Frankfurt  nicht  mehr  weiterführen  könne,  da  ihm  die  Taunuseisenbahn  alle  Kunden
abspanne.  Die  Bürgermeisterei  machte  dann  Versuche,  einen  anderen  Fahrtenkundigen ­
  zum  Betrieb  der  Marktsegelschiffahrt  zwischen  Mainz  und  Frankfurt  zu
finden  und  so  ein  Gegengewicht  gegen  die  Marktdampfschiffahrt  der  Gebr.  Ohlenschläger-
  zu  erhalten,  allein  ihr  Mühen  blieb  allem  Anscheine  nach  vergeblich.  So
war  das  Institut  der  Marktschiffahrt,  wie  es  sich  seit  Jahrhunderten  herangebildet  und
in  den  Tagen  der  Oktroikonvention  neu  gestaltet  hatte,  auf  seiner  wichtigsten  Linie
der  zweifachen  Konkurrenz  der  Dampfmotoren  zu  Wasser  und  zu  Lande  endlich  erlegen. ­
  In  der  Folge  konnten  die  großen  Marktnachen,  soweit  sie  auf  Segel  und  Leinzeug ­
  angewiesen  blieben,  sich  nur  als  Verbindungen  zwischen  den  größeren  Marktplätzen ­
  und  den  nächstgelegenen  Ortschaften  behaupten.
Für  die  Dampfschiffahrtsgesellschaften  am  Mittel-  und  Niederrhein  wurde  der
Ausfall  zunächst  weniger  beim  Güter-  als  beim  Personentransport  fühlbar,  da  viele
Reisenden  die  Schnelligkeit  der  Eisenbahn  der  Bequemlichkeit,  welche  die  Wasserfahrten ­
  boten,  vorzogen.  Preisermäßigungen,  welche  die  großen  Gesellschaften  für
einzelne  Strecken  versuchten,  hatten  nicht  den  gewünschten  Erfolg,  und  selbst  die  bedeutende, ­
  durchgreifende  Tarifermäßigung,  zu  der  sich  die  Köln—Düsseldorfer  Direktion" ­
  in  Rücksicht  auf  die  Konkurrenz  des  rheinischen  Eisenbahnnetzes  entschloß,  brachte
nur  vorübergehende  Besserung.
Erst  in  dem  letzten  Drittel  des  19.  Jahrhunderts  gelang  es  den  mächtig  aufstrebenden ­
  kommerziellen  und  industriellen  Kräften,  die  sich  in  der  Rheinschiffahrt
betätigten,  auch  gegenüber  den  Schienenwegen  die  gebührende  Achtung  zu  erringen,
nachdem  man  schon  eine  Zeitlang  die  Rolle  der  Binnenwasserstraßen  für  ausgespielt ­
  hielt.
Was  die  Jahre  nach  1868*  dem  Rheinverkehr  brachten,  kann  hier  nur  kurz
gestreift  werden.  Nicht  alle  Interessenten  waren  auf  die  Dauer  von  den  Erfolgen  der
Eisenbahnen  und  ihrer  Verstaatlichung  befriedigt,  seitdem  die  gesetzgeberische  Kontrolle ­
  über  das  Tarifwesen,  die  man  von  letzterer  erhofft  hatte,  sich  als  trügerisch
erwies.  Viele,  die  mit  der  behördlichen  Handhabung  des  Eisenbahnmonopols  nicht
einverstanden  waren,  sahen  mit  Freude,  daß  es  in  der  Binnenschiffahrt  Frachtsätze
gibt,  die  von  den  Eisenbahnverwaltungen  unabhängig  bleiben.  Welch  ungeheuren
Aufschwung  der  Verkehr  auf  den  Binnenwasserstraßen  unter  diesen  Verhältnissen  seit
1875  nahm,  haben  die  Zahlen  Symphers  nachgewiesen,  die  derzeit  noch  keine  Widerlegung ­
  gefunden  haben.  Der  Rhein  ist  an  diesem  Zuwachs  in  erster  Linie  beteiligt.
Während  der  Verkehr  in  den  rheinischen  Häfen  nach  den  Jahresberichten  der  Zentralkommission ­
  für  die  Rheinschiffahrt  im  Jahre  1870  erst  4  489  000  t  betrug,  ist  derselbe
1880  auf  9  276  000  t  und  1896  bereits  auf  30  252  000  t  gewachsen,  wovon  20  851  000  t
auf  den  Verkehr  der  deutschen  Häfen  untereinander  und  9  401  000  t  auf  den  Verkehr
der  deutschen  mit  den  niederländischen  und  belgischen  Häfen  entfallen.  Von  allen
Punkten,  an  denen  gegenwärtig  die  größten  Gewichtsmengen  zu  Wasser  ankommen
und  abgehen,  stehen  die  drei  Rhein-Ruhr-Häfen  Ruhrort,  Duisburg,  Hochfeld  obenan,
die  selbst  in  dem  ungünstigen  Jahre  1895  insgesamt  1  965  090  t  (hauptsächlich  Eisenerz, ­
  Getreide,  Holz)  zu  Wasser  empfingen  und  5  451  000  t  (vornehmlich  Kohlen,  Koks,
verarbeitetes  Eisen)  zu  Wasser  versandten?
Die  Leistungsfähigkeit  des  Rheins  im  Zeitalter  der  Eisenbahnen  abzustreiten,  ist
angesichts  dieser  Tatsachen  schlechterdings  unmöglich.  Die  bedeutende  Zunahme  der
Transportmengen  auf  ihm,  die  in  ähnlicher  Weise  andere  Binnenwasserstraßen  zeigen,
ist  um  so  bemerkenswerter,  als  sie  mit  einer  gleichzeitigen,  beträchtlichen  Steigerung
des  Eisenbahnverkehrs  zusammenfällt  und  sie  nicht  so  sehr  trotz,  als  vielmehr  im  Verein ­
  mit  der  Entwicklung  der  letzteren  ihre  Höhe  erreichte.  Beide  Verkehrsmittel
werden  immer  mehr  auf  ihre  Wechselwirkung  angewiesen.  Bei  dem  gesteigerten  Be ­
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.