Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
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schöpfung erschien ihm immer mehr als nächste und erste 
Aufgabe. Und da begriff er denn, obwohl mit einem 
unglaublich aufnahmefähigen Formengedächtnis ausgestattet, 
daß auf diesem Gebiete nicht Studien allein, und daß noch 
weniger selbst die eifrigste Anschauung ihn das Leben des 
menschlichen Körpers je ganz gedächtnismäßig würden umfassen 
lassen; wer sollte diese unendliche Summe von Bewegungs⸗ 
kombinationen beherrschen, wer die freien Verkürzungs- und 
Überschneidungsmöglichkeiten, die der menschliche Körper in 
Gerüst- und Muskelspiel darbietet? Und so blieb er, obwohl 
idealistisch der Typisierung der Formen zugewandt, dennoch wie 
der eifrigste Naturalist dem Modell getreu — freilich dem sich 
bewegenden nackten Modell, weshalb er denn mit Kinderstudien 
begann —: und je mehr er dann das Modell studierte, mit um 
so stärkerer Gewalt drang immer und immer wieder der nackte 
Mensch in den Gesichtskreis seines Schaffens. 
Damit wurde das großfigurige Bild das eigentliche Ar— 
beitsgebiet des Künstlers, — und das Problem der Form, wie 
wir es oben besprachen, der scharfen Umrissenheit von Figuren, 
die aus der Nähe betrachtet werden, mußte von ihm ganz 
anders behandelt und gelöst werden als von den Meistern der 
flimmernden Lichtschwaden der neuen Kunst, insbesondere der 
Kunst der Landschaft. Indem sich nun dieser Prozeß bei Feuer— 
bach vollzog, indem sich ihm die innerlich erschauten Gestalten an 
der Hand beständiger Kontrolle an der Erscheinungswelt zu 
festen, kanonischen Formen des Menschen, zu typischen Idealen 
verdichteten, nicht mehr so sehr getragen von Farbenerschei— 
nungen, die vielmehr allmählich zurückwichen, wie von der 
Plastik bildnerischen Erfassens: tauchte eine moderne plastisch— 
malerische Auffassung des Menschen empor, deren Dasein, wenn 
auch vorläufig nur in einem Künstlerkopf, die Voraussetzung 
war für jede weitere Entwicklung eines impressionistischen Idea⸗ 
lismus. Denn da es, wie wir gesehen haben, der impressio— 
nistischen Technik einstweilen noch nicht gelang, nahgesehene 
Großfiguren allein mit den Mitteln der Wiedergabe reiner Licht⸗ 
Farbeneindrücke zu bewältigen, so mußte von anderen Seiten 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Eraünzunasband. 10
	        
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