Bildende Kunst.
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schöpfung erschien ihm immer mehr als nächste und erste
Aufgabe. Und da begriff er denn, obwohl mit einem
unglaublich aufnahmefähigen Formengedächtnis ausgestattet,
daß auf diesem Gebiete nicht Studien allein, und daß noch
weniger selbst die eifrigste Anschauung ihn das Leben des
menschlichen Körpers je ganz gedächtnismäßig würden umfassen
lassen; wer sollte diese unendliche Summe von Bewegungs⸗
kombinationen beherrschen, wer die freien Verkürzungs- und
Überschneidungsmöglichkeiten, die der menschliche Körper in
Gerüst- und Muskelspiel darbietet? Und so blieb er, obwohl
idealistisch der Typisierung der Formen zugewandt, dennoch wie
der eifrigste Naturalist dem Modell getreu — freilich dem sich
bewegenden nackten Modell, weshalb er denn mit Kinderstudien
begann —: und je mehr er dann das Modell studierte, mit um
so stärkerer Gewalt drang immer und immer wieder der nackte
Mensch in den Gesichtskreis seines Schaffens.
Damit wurde das großfigurige Bild das eigentliche Ar—
beitsgebiet des Künstlers, — und das Problem der Form, wie
wir es oben besprachen, der scharfen Umrissenheit von Figuren,
die aus der Nähe betrachtet werden, mußte von ihm ganz
anders behandelt und gelöst werden als von den Meistern der
flimmernden Lichtschwaden der neuen Kunst, insbesondere der
Kunst der Landschaft. Indem sich nun dieser Prozeß bei Feuer—
bach vollzog, indem sich ihm die innerlich erschauten Gestalten an
der Hand beständiger Kontrolle an der Erscheinungswelt zu
festen, kanonischen Formen des Menschen, zu typischen Idealen
verdichteten, nicht mehr so sehr getragen von Farbenerschei—
nungen, die vielmehr allmählich zurückwichen, wie von der
Plastik bildnerischen Erfassens: tauchte eine moderne plastisch—
malerische Auffassung des Menschen empor, deren Dasein, wenn
auch vorläufig nur in einem Künstlerkopf, die Voraussetzung
war für jede weitere Entwicklung eines impressionistischen Idea⸗
lismus. Denn da es, wie wir gesehen haben, der impressio—
nistischen Technik einstweilen noch nicht gelang, nahgesehene
Großfiguren allein mit den Mitteln der Wiedergabe reiner Licht⸗
Farbeneindrücke zu bewältigen, so mußte von anderen Seiten
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Eraünzunasband. 10