Bildende Kunst.
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sinnliche Reiz der Farbe bereits gebrochen zu Gunsten einer
übermäßig zeichnerischen Betonung der Formen. Die Folgen
der zweiten Richtung gelangen in der „Amazonenschlacht“ von
1873 und in dem „Titanensturz“ von 1879 zum Ausdruck.
Bei aller Beherrschung der Gesamtanlage mit einem feinen,
ausgeglichenen, gleichsam sublimierten Licht und bei allem
Zauber monumentaler Dramatik ist hier der Schritt zu einer
Formensprache fast im Sinne Michelangelos gethan.
Aber das, was Feuerbach charakterisiert, ist doch nur an
erster Stelle ein neues plaftisch-malerisches Ideal des Menschen.
Man braucht nur die Titel der von ihm bisher angeführten
Gemälde zu mustern, um zu sehen, daß ein Zweites hinzukommt.
Der menschliche Körper in seiner idealischen Form ist ihm in
seiner besten Zeit doch nur Komponente von Bildern, in denen
ein rein menschlicher Inhalt in einfachster Anschaulichkeit zur
Darstellung gelangen soll. Darum, weil er diesen höchsten
Wunsch ruhiger Anschaulichkeit rein menschlicher, an keine Zeit
und keinen Ort gleichsam mehr geketteter Vorgänge und Ge—
fühle am einfachsten in klassischen Stoffen glaubte verwirklichen
zu können, hat Feuerbach so viel aus der Antike gemalt. Was
bedeuteten in dieser Hinsicht nicht für ihn die immer und immer
wieder in Angriff genommenen Iphigenien⸗- und Medeenstoffe!
Hier glaubte er rein menschlichen Gehalt in typischer und
darum idealisierter Form am leichtesten der Leinwand einver—
leiben zu können. So ist er nicht bloß ein Idealist der Körper—
form gewesen, sondern der Bildform überhaupt: er zuerst zeigte
in modernem Sinne, wie man in einem Figurenbilde nicht bloß
nach der Weise des Historismus erzählen, sondern, sogar mit
einem großfigurigen Bilde, auch stimmen könne, und wie der
Einschuß von Stimmung, der Idealismus der Gefühle alsbald
auch zu einer abgewandelten Formgebung, einem Idealismus
des Gesamtbildes führe. Es ist der Weg, den später Böcklin
und Thoma und auch Klinger mit ganz anderer Sicherheit ge⸗
wandelt sind.
Feuerbach ist 1880 gestorben — wenige Jahre, bevor die
Welt zum Verständnis seiner Kunst heranreifte. Denn um die
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