3. Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Kanals Rhein-Hannover. 567
angewiesen. Der gewöhnliche Hausverbrauch und die täglichen Bedürfnisse machen
jeden einzelnen zu einem an mäßigen Kohlen- und Eisenpreisen interessierten Konsu
menten. Der Nutzen der geringeren Transportkosten kommt indes nicht allein diesem
zugute, sondern auch dem Produzenten.
Die billigen Transportkosten werden in weiterer wohllätiger Wechselwirkung
die Veranlassung zu einer bedeutenden Hebung gewerblicher Tätigkeit in allen
Gegenden sein, auf die der Kanal seinen Einfluß ausüben wird. Billige Kohlen
und Rohstoffe fördern die Industrie und Landwirtschaft, billige Dungstoffe die
letztere. Die erfolgreiche Bekämpfung fremder industrieller Erzeugnisse auf deutschem
Markte und der erleichterte Wettbewerb mit diesen im Auslande werden die Arbeits
und Absatzgelegenheit für alle Erwerbszweige vermehren.
Wenn die hohen Transportkosten bisher dazu zwangen, die Fabriken möglichst
in der Nähe der Kohlengruben auf engem Raume zusammenzupressen, wird der
Kanal mit allen anschließenden Wasserstraßen die Möglichkeit bieten, die Industrie zu
dezentralisieren und damit eine Mehrung jener sozialen Mißstände zu verhüten, die
die Folge allzu großer Menschenansammlungen in reinen Industriegebieten sind.
Endlich werden die ermäßigten Transportkosten Veranlassung zur Erweckung ganz
neuer Betriebe werden, die sich hauptsächlich mit der Gewinnung bisher wertloser
Bodenerzeugnisse befassen.
Ersparung an baren Auslagen, Vermehrung der Gütererzeugung, Beschränkung
ausländischer Waren beim eigenen Verbrauch und Verminderung sozialer Übelstände
sind die Einzelvorteile, aus denen sich der Nutzen der Transportkostenverminderung
zusammensetzt.
Im allgemeinen muß daher jedes Mittel, das geeignet ist, die großen Ent
fernungen im eigenen Lande wirtschaftlich zu vermindern, als ein Fortschritt und als
eine Stärkung gegen den unvermeidlichen Wettbewerb des Auslandes begrüßt werden.
Ein Land, das wie Deutschland in der glücklichen Lage ist, den überwiegenden Teil
seines Bedarfs aus eigenen Rohstoffen herzustellen, steht zweifellos in sich am selb
ständigsten und günstigsten da, wenn es im Inlands mit möglichst vielen und möglichst
billigen Verkehrswegen ausgestattet ist, wenn seine einzelnen Teile sich also wirt
schaftlich möglichst nahe gerückt sind. Dann wird auch im eigenen Lande stets Ge
legenheit zur Beschäftigung und Ernährung zahlreicher Bewohner geboten sein.
In überraschender Weise hat sich der wirtschaftliche Aufschwung gezeigt, den der
Eisenbahnbau im Gefolge gehabt hat. Bei den ersten Anlagen und Ertragsermitt
lungen der Eisenbahnen rechnete man auf Grund des bestehenden Verkehrs mit
so geringen Zahlen, daß diese durch die Entwicklung in Wirklichkeit bald verzehnfacht
wurden. Eine gleich unsichere Ermittlung erscheint zwar ausgeschlossen, wenn es sich
darum handelt, einen Teil des Massengüterverkehrs nunmehr den Wasserstraßen an
Stelle der Eisenbahnen zuzuweisen, aber immerhin ist es schwierig, die Verkehrs
zunahme richtig zu schätzen. Jedenfalls bleibt zu hoffen, daß, wenn auch nicht in
gleichem Maße so doch auch jetzt noch eine erhebliche Steigerung der Transportmengen
und der gewerblichen Entwicklung die Folge der Frachtkostenermäßigung sein wird.
Alle Untersuchungen stimmen darin überein, daß der Kanal ein wirksames
Mittel sein wird, durch billigeren Transport für Holz in den staatlichen und privaten
Forsten höhere Preise zu erzielen und namentlich in Grubenholz einen erweiterten
Absatz nach dem Ruhrrevier zu gewinnen. Rheinland-Westfalen ist nicht mehr im
stande, den Bedarf an Holz zu decken, in immer steigendem Maße werden andere Ge
biete, und zwar auch äußerdeutsche, zu dessen Befriedigung herangezogen. Besteht
aber der Kanal Rhein-Hannover, so wird ein erheblicher Teil des Mehrbedarfs den
an oder östlich vom Kanal belegenen Landesteilen zufallen. Der Mehrbedarf feit
1892 beziffert sich für die 21000 000 t betragende Steigerung der Kohlenförderung