Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

574  Fünfter  Teil.  Verkehr.  IV.  Binnen-  und  Seeschiffahrt.

7.  Jur  Geschichte  der  deutschen  Reederei.
Von  E  r  n  st  v.  Halle.
v.  Halle,  Die  Entwickelung  und  Bedeutung  der  deutschen  Reederei.  In:  Handelsund ­
  Machtpolitik.  Reden  und  Aufsätze,  herausgegeben  von  Schmoller,  Sering,  Wagner.
2.  Bd.  Stuttgart,  I.  G.  Cotta  Nachfolger,  1900.  S.  138—146.
Die  Entwickelung  der  deutschen  Reederei,  speziell  in  den  Hansestädten,  hat  sich
keineswegs  vollkommen  glatt  und  ohne  innere  Schwierigkeiten  vollzogen.  Die  Geschichte ­
  der  Reederei  in  einzelnen  Städten,  selbst  bei  den  aufstrebenden  beiden  Hamburger
und  Bremer  Aktienreedereien,  die  eine  Reihe  der  charakteristischen  Züge  der  Gesamtentwickelung
  widerspiegeln,  bietet  neben  zunächst  guten,  später  glänzenden  Erfolgen
zeitweilig  auch  das  Bild  großer  Enttäuschungen  und  schwerer  Rückschläge,  schroffster
Kämpfe  gegen  die  Konkurrenz  anderer  deutscher  und  fremdländischer  Linien,  schwerer
Verluste  und  kritischer  Jahre.  Auch  innere  Mängel  in  der  Verwaltung  haben  bald
hier,  bald  da  große  Gefahren  gebracht  und  lange  nachhaltende  Folgeerscheinungen  gezeitigt. ­
  —  Zumal  in  den  Zeiten  der  großen  Krisis  zu  Ende  der  fünfziger  Jahre,  dann
während  der  gefährdeten  Seefahrt  zur  Zeit  des  amerikanischen  Bürgerkrieges,  während
des  Krieges  von  1870  und  wiederum  in  der  wirtschaftlichen  Depression  um  die  Mitte
der  siebziger  Jahre  kam  man  allgemein  in  eine  überaus  bedrängte  Situation.
Andererseits  entstanden  in  den  aufstrebenden  Perioden  zu  Anfang  der  siebziger
und  der  achtziger  Jahre  bisweilen  einzelne  Unternehmungen  zwecks  Aufnahme  der
Konkurrenz,  welche  sich  in  der  Folgezeit  nicht  zu  halten  vermochten.  Zweimal,  im
Konkurrenzkampf  mit  der  Adler-Linie  nach  Mitte  der  siebziger  und  mit  der  Carr-Linie
  in  den  achtziger  Jahren,  hat  selbst  die  Hamburg-Amerika  Linie  die  Grundfesten
ihres  Daseins  erschüttert  gesehen.
Dennoch  ist  es  hier  wie  in  anderen  kritischen  Fällen  dank  dem  Unternehmungsgeist ­
  der  hansischen  Reeder  stets  gelungen,  über  die  schlimmen  Zeiten  der  Unterbilanzen
hinwegzukommen  und  den  Betrieb  auf  eine  immer  breitere,  sicherere  Grundlage  zu
stellen.  Und  die  unterbietende  Konkurrenz  wurde  entweder  durch  frühzeitigen  Aufkauf
oder  durch  Steigerung  der  eigenen  Leistungsfähigkeit  und  einen  nachdrücklichen  Kampf,
der  bei  heimischen  Reedereien  meist  mit  Amalgamierung  oder  Aufsaugung  endigte,
oder  durch  vertragliche  Tarifregelung  und  Verkehrsverteilung  in  gesunde  Schranken
gebannt.
Schon  früh  hatte  man  sich  durch  tüchtige  Leistungen  die  Postbeförderung  für
eine  Reihe  von  Ländern  zu  sichern  gewußt;  1866  und  1868  hatten  die  Hamburger
und  die  Bremer  Linie  nacheinander  mit  mehr  als  je  einem  halben  Dutzend  damals  für
vollkommen  geltender  Dampfer  den  wöchentlichen  Passagierverkehr  mit  New  Jork
aufgenommen.  Schritt  für  Schritt  waren  in  den  folgenden  Jahren  unter  stetiger  Vermehrung ­
  des  Dampfschiffparks  neue  regelmäßige  Fahrten  nach  Baltimore,  nach  New
Orleans,  nach  Havana  hinzugefügt  worden.
Vor  allem  aber  füeg  inzwischen  im  Jahre  1867,  das  die  Gründung  des  Norddeutschen ­
  Bundes  brachte,  endlich  auch  die  eine  deutsche  Flagge  an  allen  Masten
empor,  und  die  fremden  Nationen  sahen  nunmehr  in  stolzer  Einheit  verkörpert,  was
vorher,  auf  verschiedene  Flaggen  verteilt,  nur  allzu  winzig  erschienen  war.  Die  bald
darauf  folgenden  Siegestaten  von  1870,  die  Gründung  des  Reiches  dienten  dazu,  dem
neuen  Banner  Achtung  und  Ehre  zu  erwerben,  und  die  alten  preußischen,  verbunden
mit  den  alten  Hanseatenfarben  verliehen  der  deutschen  Schiffahrt  das  Sicherheitsgefühl ­
  einer  festen  Stütze  in  Krieg  und  Frieden.
Schuf  so  die  politische  Konstellation  der  deutschen  Reederei  auf  den  Meeren
draußen  eine  ganz  andere  Stellung,  so  verstanden  es  die  deutschen  Reeder  andererseits, ­
  sich  die  Fortschritte  im  technischen  Betrieb  allmählich  zu  eigen  zu  machen.
            
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