8. Die Hamburg-Amerika Linie.
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8. Die Hamburg-Amerika Linie.
Von Kurt Himer.
Himer, Schiffahrt, die uns angeht. Skizzen von der Hamburg-Amerika Linie.
Berlin, Eckstein & Engel, [1907]. S. 107 f„ S. 13 f-, S- 15 ff- und S. 113 ff.
Von der Hamburg-Amerika Linie hört man jeden Tag; kein halbwegs auf
merksamer Zeitungsleser, der von ihr ohne Kenntnis bleiben könnte. Es entspricht
das der Mannigfaltigkeit, dem Umfang und der Wichtigkeit der Hapag-Arbeit,*) die
für den Fachmann und den Laien gleichmäßig Interessantes bieten, die das Feuilleton
und den Tagesbericht, den politischen Teil und den Handelsteil der Tageszeitungen
und der periodischen Zeitschriften gleichermaßen mit unterhaltsamem und bedeutsamem
Stoff versorgen.
Vielleicht wäre das öffentliche Interesse an der Gesellschaft aber doch nicht ganz
so groß, wie es ist, wenn nicht ein wesentliches Moment hinzugekommen wäre, um
die Aufmerksamkeit häufig und häufiger aus diese Gesellschaft zu lenken: die erstaun
lich schnelle Entwicklung während der beiden letzten Jahrzehnte, die im Schiffahrts
betriebe aller Völker unbedenklich als beispiellos bezeichnet werden kann, — nimmt
doch die Hamburg-Amerika Linie allein ca. 47 % der Hamburgischen Seedampferflotte
und ca. 24 % der deutschen Handelsdampferflotte hinweg. Mit ihren 179 Ozean
dampfern und 229 Hilfsfahrzeugen, die dem Verkehr zusammen etwa 1211900 Brutto-
Registertons zur Verfügung stellen, hat die Hamburg-Amerika Linie eine so stolze
Seemacht in Händen, daß sie der ganzer Länder an die Seite gestellt werden kann.
Italien, Spanien, Schweden, Österreich-Ungarn, Holland, Dänemark, Rußland — um
nur die größten Seestaaten zu nennen — haben eine kleinere Ozeandampferflotte als
diese eine Hamburg-Amerika Linie; nur England, die Vereinigten Staaten von
Amerika, Frankreich, Norwegen und Japan übertreffen sie.
Dazu kommt — und das ist für die Geltung der Hamburg-Amerika Linie noch
wichtiger — die Beschaffenheit, Behandlung und Verwendung dieses umfangreichen
Schiffsmaterials. Daß die Hamburg-Amerika Linie mit ihren Schiffen 66 regel
mäßige überseeische Linien nach mehr als 400 der bedeutendsten Welthandelshäfen
unterhält, daß auf allen diesen Routen die Dampfer der Hamburg-Amerika Linie nach
ihren Passagier- und Güterräumlichkeiten, nach Borddienst, Verpflegung, Sicherheit
und Promptheit des Verkehrs den besten Ruf, ja meist sogar den Ruf der besten ge
nießen, — das erst gibt der Schiffszahl ihre eminente Machtwirkung. Fast fühlt man
sich versucht zu fragen, auf welchem Meere denn der Paketfahrt-Wimpel nicht wehe,
welche deutsche oder ausländische Schiffahrtsgesellschaft von diesem Riesennetz der
Verkehrsinteressen etwa nicht berührt werde. Der tiefer Eingeweihte weiß überdies,
daß die Gesellschaft auf mehrere ausländische Reedereien maßgebenden Einfluß übt
und den Verkehr der meisten konkurrierenden Schiffahrtsgesellschaften durch Ver
träge in festumgrenzte Bahnen gelenkt hat. In Deutschland vermag nur der Nord
deutsche Lloyd, im Ausland überhaupt keine Reederei eine auch nur annähernd so
verzweigte und vielseitige Tätigkeit des Schiffahrtsbetriebes vorzuweisen.
Da die Hamburg-Amerika Linie zu ihrer heutigen Bedeutung lediglich durch die
Entfaltung ihrer inneren Kräfte gelangt ist, ohne daß äußere Einwirkungen in Gestalt
von Staatssubventionen an sie herangetreten sind, versteht es sich von selbst, daß die
Zeichen ihrer Macht und Geltung nicht allein in Flotte und Verkehrsaufgaben zu
finden sind. Vor allen Dingen entsprechen die Leistungen der Reederei, die Trans
portleistungen wie die Gewinne, dem großartigen Bilde, das die Verkehrsmittel und
*) Hapag ist Abkürzung für: Hamburg-Amerikanische Paketfahrt-Aktien-Gesellfchaft.
— G. M.
Mollat, Volkswirtschaftliches Luellenbuch. 4. Ausl.
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