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Fünfter Teil. Verkehr. IV. Binnen- und Seeschiffahrt.
finden wir Vorschläge und Pläne zur Verwirklichung dieses Unternehmens, und im
verflossenen Jahrhundert ward der Eiderkanal gebaut, der, ein rühmliches Zeugnis
für die Leistungsfähigkeit der damaligen Zeit ablegend, doch nur für den kleineren
Schiffsverkehr bestimmt, den gesteigerten Anforderungen der Jetztzeit nicht zu ge
nügen vermochte. Dem neu begründeten Deutschen Reiche blieb es vorbehalten, die
große Aufgabe einer befriedigenden Lösung entgegenzuführen.
Mein verewigter Herr Großvater, Kaiser Wilhelms des Großen Majestät, war
es, der in richtiger Erkenntnis der Bedeutung des Kanals für die Hebung des
nationalen Wohlstandes und für die Stärkung unserer Wehrkraft nicht müde wurde,
dem Plane des Baues einer leistungsfähigen Wasserstraße zwischen Nord- und Ostsee
Seine fördernde Teilnahme zuzuwenden und die mannigfachen Schwierigkeiten zu
beheben, welche sich seiner Ausführung entgegenstellten. Freudig und vertrauensvoll
folgten die Verbündeten Regierungen des Reichs nicht minder wie der Reichstag der
Kaiserlichen Initiative, und rüstig ging es vor nunmehr acht Jahren an das Werk,
das mit seiner fortschreitenden Ausführung in immer höherem Grade das öffentliche
Interesse erweckte. Was die Technik von dem hervorragenden Standpunkt ihrer Ent
wicklung heraus hat schaffen können, was an Eifer und Arbeitsfreudigkeit möglich
war, was endlich an Fürsorge für die zahlreichen, an dem Bau beteiligten Arbeiter
nach den Grundsätzen der humanen Sozialpolitik des Reichs gefördert werden konnte,
es ist an diesem Werke geleistet worden; und deshalb darf mit Mir und Meinen hohen
Verbündeten das Vaterland des gelungenen Werks sich freuen.
Aber nicht nur für die heimischen Interessen haben Wir gearbeitet. Der großen
Kulturaufgabe des deutschen Volks entsprechend, öffnen Wir dem friedlichen Verkehr
der Nationen untereinander die Schleusen des Kanals, und zu freudiger Genugtuung
wird es Uns gereichen, wenn seine fortschreitende Benutzung Zeugnis dafür ablegt,
daß die Absichten, von welchen Wir geleitet worden sind, nicht allein verstanden,
sondern auch fruchtbar werden zur Hebung der Wohlfahrt der Völker.
Die Teilnahme an Unserer Feier seitens der Mächte, deren Vertreter wir unter
uns sehen, und deren herrliche Schiffe Wir heute bewundert haben, begrüße Ich um
so lebhafter, je mehr Ich darin die volle Würdigung Unserer auf Aufrechterhaltung
des Friedens gerichteten Bestrebungen zu erblicken das Recht habe. Deutschland wird
auch das heute inaugurierte Werk in den Dienst des Friedens stellen und sich glücklich
schätzen, wenn der „Kaiser-Wilhelms-Kanal" in diesem Dienste allezeit Unsere freund
schaftlichen Beziehungen zu den übrigen Mächten fördert und befestigt.
11. Der Suezkanal.
Von Georg v. Schanz.
Schanz, Der künstliche Seeweg und seine wirtschaftliche Bedeutung. Berlin-Grunewald,
A. Troschel. 1904. S. 3—12.
Die große Straße, welche die Erdteile miteinander verbindet, ist das Meer. Es
ist die Weltstraße im eigentlichsten Sinne. Ohne Kosten bietet sie sich dem Menschen
dar. Kein anderer Weg läßt eine solche unendliche Ausnützungsfähigkeit zu, keiner
übertrifft sie an Billigkeit und Leistungsfähigkeit. Es ist nicht zu verwundern, wenn
man danach trachtet, diesen Wasserweg bei Transporten möglichst ausgiebig zu ver
werten, und schließlich auch nicht davor zurückgescheut hat, künstliche Seewege zu
schaffen. Damit man von solchen reden kann, ist heute erforderlich, daß sie mindestens
eine Tiefe von 4—6 m und, sollen sie auch für die großen transozeanischen Fahrten