Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

586  Fünfter  Teil.  Verkehr.  IV.  Binnen-  und  Seeschiffahrt.

Lesseps  war  aber  unerschütterlich,  als  alter  Diplomat  fand  er  immer  wieder
Wege,  um  sich  zu  helfen;  wenn  die  Gegner  bereits  triumphieren  zu  können  glaubten,
kam  jedesmal  eine  Wendung  wieder  zu  seinen  Gunsten.  Schließlich,  nachdem  der  Bau
bereits  7  Jahre  gedauert,  fand  auch  die  Pforte  den  Mut,  die  Konzession  zu  bestätigen
(19.  März  1866).
Groß  waren  die  finanziellen  Schwierigkeiten.  Der  erste  Spatenstich  erfolgte ­
  am  25.  April  1859,  die  Eröffnung  am  17.  November  1869.  Zehn  Jahre  sind
eine  lange  Zeit,  und  nicht  selten  verzagten  angesichts  der  vielen  Schwankungen  und
Anfeindungen  die  Kapitalisten.  England  hielt  sich  gänzlich  fern.  Bei  der  Subskription ­
  von  200  Millionen  Frs.  (5  November-1858)  —  auf  so  viel  war  der  Kanal
veranschlagt  —  hatte  man  England  40  Millionen  reserviert,  allein  nicht  ein  Pfennig
wurde  von  Engländern  gezeichnet,  auch  Österreich,  Rußland  und  die  Vereinigten
Staaten  von  Amerika  beteiligten  sich  nicht;  die  Franzosen  übernahmen  mehr  als  die
Hälfte,  die  anderen  Nationen  noch  nicht  V«,  den  Rest  der  Khedive.  Das  Aktienkapital
reichte  nicht  entfernt  aus,  bis  zur  Fertigstellung  des  Kanals  muhten  neben  anderen
Mitteln  weitere  100  Millionen  Frs.  unter  nicht  leichten  Bedingungen  im  Wege  des
Kredits  beschafft  werden.  1863  stand  die  Aktie  in  Paris  vorübergehend  auf  40  Frs.
statt  auf  500.  Die  Banken  und  die  Börse,  welche  bei  den  Geldgeschäften  übergangen
worden  waren,  haben  lange  Zeit  dem  Unternehmen,  wo  sie  konnten,  geschadet.
Was  die  t  e  ch  n  i  s  ch  e  Seite  anlangt,  so  hatte  man  große  Höhen  nicht  zu  überwinden, ­
  nur  bei  El  Guisr  war  eine  solche  von  19  m  über  dem  Meeresniveau  in  einer
Ausdehnung  von  14  km.  Dagegen  bereitete  große  Schwierigkeiten  das  Arbeiten  in
völlig  wüster  Gegend.  Alle  Geräte,  Materialien,  Nahrung  mußten  auf  Kamelen
60  km  weit  herbeigeschafft  werden.  Für  das  Trinkwasser  wurden  1862  täglich  1600
Kamele  in  Anspruch  genommen,  was  jährlich  3  Millionen  Frs.  kostete.  Das  wurde
erst  anders,  als  der  in  der  Konzession  geforderte  große  Süßwasserkanal,  der  vom  Nil
abzweigt  und  heute  noch  besteht,  am  29.  Dezember  1863  vollendet  wurde.  Ein  großer
Vorteil  war,  daß  nicht  nur  das  für  den  Kanal  erforderliche  und  noch  anderes  Land  umsonst ­
  zur  Verfügung  gestellt  wurde,  sondern  die  ägyptische  Regierung  auch  verpflichtet
war,  so  viel  Fellachen  zu  stellen,  als  notwendig  waren.  Der  festgesetzte  Lohn  für  diese
Fronarbeit  war,  an  europäischen  Verhältnissen  gemessen,  sehr  niedrig.  Anfänglich
wurden  30  bis  40  000  Fellachen  verlangt  und  gewährt.  Allein  bald  nach  dem
Regierungsantritt  Ismails  (18.  Juni  1863)  wurden  diese  und  andere  lästige  Bedingungen, ­
  hauptsächlich  auf  Betreiben  Englands,  von  der  ägyptischen  Regierung  angefochten ­
  (Juli  1863)  und  nach  einem  höchst  aufregenden  Intervall  durch  Schiedsspruch
Napoleons  III.  (6.  Juli  1864)  ein  Entscheid  dahin  getroffen,  daß  die  ägyptische
Regierung  nicht  mehr  die  nötigen  Arbeiter  zu  stellen  brauchte,  auch  der  größte  Teil
des  Landes  zurückgegeben  werden  mußte,  wofür  aber  der  Gesellschaft  eine  reiche  Geldentschädigung ­
  zugesprochen  wurde.  Die  Hoffnung  der  Gegner,  das  Unternehmen  vernichtet ­
  zu  haben,  war  wieder  vereitelt  worden.  Man  mußte  nun  freilich  die  Arbeit
auf  eine  ganz  andere  Basis  stellen.  Die  ägyptische  Art,  die  in  grauer  Vorzeit  mit
Menschenhand  Pyramiden  und  andere  Wunderwerke  hergestellt  hatte,  mußte  fallen
gelassen  und  alles  auf  Maschinenkraft  eingerichtet  werden;  man  hatte  schließlich  auch
22  000  Pferdekräfte  in  Verwendung.
Am  16.  November  1869  fand  in  Gegenwart  des  Kaisers  von  Österreich,  der
Kaiserin  van  Frankreich,  des  deutschen  Kronprinzen  Friedrich  Wilhelm  u.  a.  die  feierliche ­
  Eröffnung  statt.  Die  abendländische  Welt  erlebte  eine  nie  gesehene  orientalische
Pracht.  Nach  den  einen  soll  das  Fest  10,  nach  anderen  20  Millionen  Frs.  verschlungen ­
  haben.
Dem  Feste  folgten  ernste  Tage.  Die  Finanznot  der  Gesellschaft  und  des  verschwenderischen ­
  Khedive  war  groß;  in  den  ersten  Jahren  konnte  man  keine  Dividende
            
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