Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

14.  Der  Kongreß  Deutscher  Volkswirte.

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Staatsrat  F  r  a  n  ck  e  in  Koburg,  der  spätere  Finanzminister  v.  P  a  t  o  w  ,  Präsident
Lette  in  Berlin  und  vor  allen  Schulze-Delitzsch  äußerten  sich  zustimmend
zu  dem  Plane  und  rieten,  von  Bremen  aus  die  Vorbereitungen  zu  einem  Kongresse
deutscher  Volkswirte  in  die  Hand  zu  nehmen.  Auf  Anraten  F  r  a  n  ck  e  s  machte  ich
den  Versuch,  die  in  Koburg  versammelten  deutschen  Landwirte  für  die  Sache  zu
gewinnen.  Meine  in  Koburg  gehaltene  Ansprache  fand  jedoch  gar  keinen  Anklang,
und  erst  der  in  Frankfurt  a.  M.  im  September  1857  abgehaltene  internationale
Wohltätigkeitskongreß  wurde  die  eigentliche  Wiege  des  Volkswirtschaftlichen  Kongresses. ­

Die  dort  zahlreich  versammelten  deutschen  Volkswirte,  an  deren  Spitze  Präsident
Lette  und  Schulze-Delitzsch  standen,  konnten  mit  ihrer  nationalökonomischen
Richtung  gegen  die  auf  dem  Kongreß  vorherrschende  belgische  Richtung  der  charitö
nicht  durchdringen  und  die  Genossenschaftsfrage  gar  nicht  einmal  vor  dem  Plenum
des  Wohltätigkeitskongresses  zur  Verhandlung  bringen.  Infolgedessen  versammelten
sich  die  deutschen  Mitglieder  dieses  internationalen  Kongresses  am  16.  September
1857  zu  einer  Separatbesprechung  im  Hotel  Landsberg.  Dort  hielt  Schulze-Delitzsch
  einen  zündenden  Vortrag  über  das  Assoziationswesen,  an  welchen  sich
eingehende  Beratungen  anschlossen  über  Mittel  und  Wege,  um  die  volkswirtschaftliche ­
  Bildung  im  deutschen  Volke  weiter  zu  verbreiten  und  eine  Verständigung  über
wichtige  volkswirtschaftliche  Fragen  durch  einen  Kongreß  deutscher  Volkswirte  herbeizuführen, ­
  sowie  überhaupt  bessere  volkswirtschaftliche  Einrichtungen  anzubahnen.
Der  von  der  Versammlung  gebilligte  „Aufruf  zur  Bildung  von  Volkswirtschaft,
lichen  Vereinen"  trug  zahlreiche  Unterschriften,  unter  denen  nur  diejenigen  der  Heidelberger ­
  Professoren  Mittermaier,  Rau  und  W  e  l  ck  e  r  ,  ferner  Professor
S  ch  u  b  e  r  t  in  Königsberg,  Dr.  Afherin  Hamburg,  Regierungspräsident  F  r  a  n  ck  «
in  Koburg  und  Schulze-Delitzsch  erwähnt  werden  mögen.  Bremen  wurde
zum  provisorischen  Vorort  erwählt  und  ein  Redaktionsausschuß  aus  den  Herren  Dr.
P  i  ck  f  o  r  d  in  Heidelberg,  Max  Wirth  in  Frankfurt  a.  M.  und  Dr.  B  ö  h  m  e  r  t
in  Bremen  gebildet.  An  diesen  Ausschuß  gelangte  im  Juni  1858  ein  Schreiben  des
Vorsitzenden  des  Zentralvereins  für  das  Wohl  der  arbeitenden  Klassen,  Dr.  Lette,
worin  vorgeschlagen  wurde,  den  Kongreß  deutscher  Volkswirte  im  Herbst  1858  in
Gotha  statt  in  Berlin  abzuhalten.  Der  in  Frankfurt  a.  M.  gewählte  Redaktionsausschuß
  stellte  für  die  Beratung  folgende  Hauptpunkte  auf:  1.  Die  Reform  der
Gewerbegesetze;  2.  das  Assoziationswesen  in  Deutschland;  3.  die  Durchfuhrzölle  des
Zollvereins:  4.  Spielbanken,  Lotto  und  Lotterien  und  5.  die  Wuchergesetze.  Das
Gothaer  Lokalkomitee  wünschte  einen  volkswirtschaftlichen  Verein  zu  gründen  und
vorerst  ein  Programm  und  Statut  zu  beraten.  Karl  Mathy,  damals  noch  Bankdirektor ­
  in  Gotha,  kam  nach  Bremen,  um  sich  mit  mir  darüber  zu  verständigen;  aber
ich  widerstrebte  aufs  äußerste,  daß  man  damit  anfangen  solle,  eine  von  uns  geplante
nationale  Bewegung  für  volkswirtschaftliche  Reformen  mit  der  Beratung  von  Grundrechten ­
  zu  beginnen,  was  für  die  politische  Bewegung  des  Jahres  1848  und  für  die
Frankfurter  Nationalversammlung  ja  so  verhängnisvoll  gewesen  war.  Unser  Redaktionsausschuß ­
  wollte  in  Gotha  sofort  mit  der  Beratung  brennender  praktischer
Tagesfragen  beginnen,  um  die  bei  der  deutschen  Gründlichkeit  gefahrvolle  Beratung
von  theoretischen  und  formellen  Fragen  zu  vermeiden.  Wir  mußten  dem  Gothaer
Lokalausschuß  einige  Konzessionen  in  betreff  der  Berufung  der  Versammlung  und
der  Aufstellung  eines  Programms  und  Statuts  machen,  erreichten  jedoch,  daß  die
Debatten  darüber  in  einer  Vor  Versammlung  am  Abend  vor  der  Hauptversammlung
zu  einem  befriedigenden  Abschluß  kamen,  und  daß  man  einen  Ausschuß  ernannte,
welcher,  unter  Berücksichtigung  der  in  der  Vorversammlung  erörterten  Ansichten,
den  Gothaer  Statutenentwurf  revidieren  und  gleich  bei  Eröffnung  der  ersten  Sitzung
Mollat,  Volkswirtschaftliches  Quellenbuch.  4.  Aufl.  Z
            
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