Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

34  Erster  Teil.  Deutsche  Volkswirte,  Kaufleute  und  Industrielle.

der  Hauptversammlung  vorlegen  solle.  Die  erste  öffentliche  Hauptversammlung  nahm
einen  überraschend  günstigen  Verlauf.  Während  es  am  Abend  vorher  noch  zweifelhaft ­
  gewesen  war,  ob  das  erste  Zusammentreffen  deutscher  Volkswirte  nur  als  eine
Vorversammlung  zur  Beratung  von  Grundrechten,  Statuten  und  anderen  Formfragen ­
  zu  betrachten  sei,  und  ob  ein  Kongreß  erst  im  künftigen  Jahre  zusammentreten ­
  solle,  war  die  erste  Hauptversammlung  am  20.  September  schon  nach  Verlauf
einer  halben  Stunde  ein  wirklicher  Kongreß.  Das  vom  provisorischen  Ausschuß  vorgeschlagene ­
  Statut  wurde  ohne  Diskussion  en  bloc  einstimmig  angenommen.  Danach ­
  sollte  kein  Verein,  sondern  ein  Kongreß  mit  Wanderversammlungen  begründet
und  eine  ständige  Deputation  zur  Vorbereitung  desselben  gewählt  werden.  Man
ging,  ohne  sich  in  doktrinäre,  nutzlose  Prinzipienstreitereien  zu  verlieren,  sofort  in  die
Beratung  praktischer  Fragen  ein  und  konnte  gleich  die  ersten  beiden  Hauptfragen
über  die  Gewerbefreiheit  und  über  das  Assoziationswesen  ziemlich  rasch  erledigen,
weil  über  jede  dieser  Fragen  umfassende  Vorarbeiten  und  Berichte  vorlagen.  Man
war  beinahe  einmütig  darin,  daß  dem  Arbeiter  eines  der  ersten  Menschenrechte
—  die  Freiheit  der  Arbeit  —  nicht  länger  vorenthalten  werden  dürfe,  daß  aber
andererseits  an  Stelle  der  durch  die  moderne  Technik  überwundenen  Zünfte  die  freiwilligen ­
  Genossenschaften  dem  Gewerbetreibenden  vorwärts  helfen  müßten.  Mit  Einstimmigkeit ­
  bereitete  der  Kongreß  den  uneigennützigen  Bestrebungen  von  Schulze-Delitzsch
  einen  wohlverdienten  Triumph  und  forderte  das  deutsche  Volk  zur  Einführung ­
  dieser  Organisationen  auf.
Größere  Schwierigkeiten  und  Differenzen  als  die  Gewerbe-  und  Assoziationsfrage ­
  bot  in  Gotha  die  Zollfrage,  in  welcher  der  Gegensatz  von  Schutzzöllnern  und
Freihändlern  schon  scharf  hervortrat.  Der  Gothaer  Kongreß  hatte  drei  Ausschüsse,
für  das  Gewerbewesen,  für  das  Genossenschaftswesen  und  für  das  Zollwesen,  ernannt ­
  und  zur  Sammlung  von  Material  und  zur  Vorbereitung  künftiger  Verhandlungen ­
  beauftragt.  Der  österreichische  Schutzzöllner  Dr.  Kreutzberg  warnte  nun
bei  Beratung  der  Zollfrage  vor  einem  Beschlusse,  der  die  deutsche  Arbeit  der  Konkurrenz ­
  vorgerückterer  Länder  preisgebe,  und  riet,  zur  Vorbereitung  eines  Tarifs
auch  Schutzzöllner  zuzuziehen  und  den  Tarif  so  einzurichten,  daß  er  die  Vergrößerung
des  Zollvereins  erleichtere.  Auch  Staatsrat  M  a  t  h  y  hielt  die  Versammlung  noch
für  viel  zu  jung  und  die  Zollfrage  noch  für  viel  zu  wenig  reif,  um  schon  die  Aufstellung ­
  eines  vollständigen  Tarifs  wünschen  zu  können.  Werde  nun  ein  Zolltarif
vorweg  zum  Gegenstand  des  nächsten  Kongresses  gemacht,  so  müßte  dies  den  günstigen
Eindruck  der  ersten  Kongreßversammlung  schwächen  und  könne  den  Kongreß  wohl
gar  auseinandersprengen.  Er  schlage  daher  vor,  die  Zollfrage  der  ständigen  Deputation ­
  des  Kongresses  zur  geneigten  Berücksichtigung  zu  überweisen.
Rudolf  v.  Bennigsen,  der  sich  schon  im  Jahre  1858  einen  Namen  als  hervorragender ­
  Politiker  gemacht  hatte  und  sich  in  Gotha  an  den  Sektions-  und  Plenarversammlungen ­
  lebhaft  beteiligte,  bewies  auch  in  der  Zollfrage  sein  Geschick,  verschiedene ­
  Standpunkte  miteinander  zu  versöhnen  und  die  Erreichung  praktischer  Ziele
zu  fördern.  Er  stellte  folgenden  Antrag:  „Der  Ausschuß  für  das  Zollwesen  hat
zeitig  vor  der  nächsten  Versammlung  deutscher  Volkswirte  seine  Arbeit  der  ständigen
Deputation,  womöglich  bereits  gedruckt,  vorzulegen  zur  Erwägung  darüber,  ob  und
inwieweit  diese  Arbeit  auf  die  Tagesordnung  des  nächsten  Kongresses  zu  stellen  sei."
Dieser  Antrag  v.  Bennigsen,  dem  sich  der  Berichterstatter  über  die  Zollfragen  anschloß, ­
  wurde  einstimmig  angenommen.
Die  vorstehenden  Mitteilungen  beweisen,  daß  in  dem  Volkswirtschaftlichen  Kongresse ­
  von  Anfang  an  die  verschiedensten  Richtungen,  Anschauungen  und  Interessen
vertreten  gewesen  sind.  Der  Kongreß  hatte  kein  ihn  bindendes  Programm  aufgestellt, ­
  sondern  sich  nur  zu  dem  Grundsatz  bekannt,  daß  man  durch  ehrlichen
            
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