Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

600  Sechster  Teil.  Volkswirtschaftliche  Zustände  in  Amerika.

zenten,  die  selbst  in  großen  Kartellen  organisiert  sind,  hat  sie  für  die  Versorgung
gewisser  Länder  geheime  Abmachungen  abgeschlossen,  in  anderen  konkurriert  sie  mit
ihnen  durch  ihre  Untergesellschaften,  von  denen  die  Anglo  American  Oil  Company
für  Großbritannien,  die  Deutsch-Amerikanische  Petroleum-Aktiengesellschaft  in
Bremen*)  für  Deutschland  die  wichtigsten  sind.  Doch  sind  gerade  für  Deutschland
neuerdings  Verständigungen  über  die  Preise  mit  den  europäischen  Produzenten  zustande ­
  gekommen.
Die  Gewinne  der  Standard  Oil  Company,  die  ein  Kapital  von  400  Millionen ­
  Ji  hat,  sind  enorm,  weit  höher  als  die  Dividenden,  die  öfters  zwischen  40  und
30%  betragen  haben,  ausweisen.  1907  sollen  sie  zirka  350  Millionen  M  betragen
haben.  Die  Leiter  der  Gesellschaft,  insbesondere  ihr  Gründer,  I.  D.  Rockefeller,  haben
einen  großen  Teil  der  Gewinne  aus  dem  Petroleumgeschäft  dazu  verwandt,  in  anderen
Industrien  umfangreiche  Beteiligungen  zu  erwerben,  und  zwar  haben  sie  sich  namentlich ­
  bestrebt,  unentbehrliche  Mineralien  möglichst  zu  monopolisieren.  So  hat  Rockefeller ­
  den  größten  Teil  der  wertvollsten  Eisenerzminen  Amerikas  (Lake  Superior
Consolidated  Iron  Mines)  an  sich  gebracht  und  war  daher  eine  der  Hauptpersonen
bei  der  Gründung  des  Stahltrusts,  der  diese  Minen  für  seine  Erzversorgung  brauchte.
So  beherrschen  die  Standard  Oil-Leute  einen  großen  Teil  der  amerikanischen  Kupferproduktion, ­
  indem  sie  die  Amalgamated  Copper  Company,  eine  Holding  Company, ­
  die  die  größten  Kupferminengesellschaften  besitzt,  kontrollieren.  Nachdem  es
ihnen  gelungen  ist,  in  der  Krise  von  1907,  die  wie  man  behauptete,  überhaupt  durch
sie  verursacht  oder  doch  verschärft  worden  sein  soll,  die  ihnen  entgegenstehenden  großen
Kupferspekulanten  Heinze,  Thomas  u.  a.  aus  dem  Wege  zu  räumen,  dürften  sie  heute
den  größten  Teil  der  Weltproduktion  an  Kupfer  kontrollieren.  Auch  auf  die  Gewinnung ­
  anderer  Metalle  (Zink,  Blei)  haben  sie  großen  Einfluß  (American  Smetting
and  Kefining  Company),  ferner  kontrollieren  sie  eine  Reihe  großer  Eisenbahnen
und  eine  ganze  Menge  von  Straßen-  und  Untergrundbahnen,  Elektrizitäts-,  Gas-  und
Wassergesellschaften,  sowie  eine  Anzahl  Nationalbanken  und  Trustcompanies.
Man  nennt  eine  solche  Zusammenballung  kapitalistischer  Interessen  in  den
Händen  einer  verhältnismäßig  kleinen  Gruppe  von  Personen  oder  Gesellschaften  mit
einem  heute  beliebten  Modewort  „K  o  n  z  e  r  n",  und  das  mächtige  Gebäude  ganz
unten  am  Broadway,  in  der  Nähe  des  Hafens  und  der  Spitze  von  New  Port,  ist  der
Sitz  des  größten  kapitalistischen  Konzerns  der  Welt.  Der  Wert  der  Unternehmungen,
die  er  beherrscht,  wird  auf  über  5  Milliarden  Dollars  angegeben.  Die  populäre  Vorstellung, ­
  wonach  dieser  gewaltige  Kapitalkomplex  der  Standard  Oil  Company  mit
allen  von  ihr  beherrschten  Unternehmungen  eigentlich  in  der  Person  von  I.  D.  Rockefeller ­
  konzentriert  und  verkörpert  sei,  ist  aber  ein  Irrtum.  Der  jetzt  72jährige  Gründer
der  Gesellschaft  hat  sich  schon  längst  von  den  Geschäften  zurückgezogen,  er  läßt  nur
noch  sein  Kapital  in  den  verschiedenen  Unternehmungen  weiter  arbeiten  und  durch
seine  Vertrauten,  eine  Anzahl  geschickter  Geschäftsleute,  verwerten,  die  die  eigentlich
treibenden  Kräfte  in  dem  Konzern  sind.  Die  Hauptpersonen  des  gewaltigen  Unternehmungskomplexes ­
  waren  bisher  der  jetzt  verstorbene  Henry  Rogers  und  James
Stillman.
Die  United  States  Steel  Corporation,  die  größte  Kontrollgejellschaft
  der  Welt,  entstand  1901  aus  dem  Zusammenschluß  verschiedener  großer
Stahlwerke,  von  denen  die  meisten  wieder  die  Kontrolle  von  kleineren  Unternehmungen ­
  der  Eisenindustrie,  des  Kohlen-  oder  Erzbergbaues,  des  Transportwesens
und  dergleichen  hatten  oder  sich  mit  solchen  fusioniert  hatten.  Die  Hauptgesellschaft ­
  war  die  Carnegie  Steel  Company  of  New  Jersey,  die  ihrerseits

*)  Jetzt  in  Hamburg,  f.  oben  S.  454*).  —  G.  M.
            
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