Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

6.  Der  kapitalistische  Geist.

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wieder  26  Gesellschaften  kontrollierte.  Die  Anfänge  dieses  größten  Einzelunternehmens ­
  der  amerikanischen  Eisenindustrie  liegen  in  einer  kleinen  Holzschmiede  in
Alleghany  City,  die  1858  von  zwei  Deutschen,  den  Brüdern  Andreas  und  Anton
K  l  o  m  a  n  n,  mit  1600  Dollars  Kapital  gegründet  wurde.  Später  trat  Andrew
Carnegie  bei.  Beim  Übergang  an  den  Stahltrust  besaß  die  Gesellschaft  160
Millionen  Dollars  Aktien  und  ebensoviel  Obligationen,  von  denen  Carnegie  je  etwas
über  die  Hälfte  gehörten.  Es  wurden  dafür  zirka  500  Millionen  Dollars  in  Effekten
des  Stahltrusts  gegeben.  Außerdem  traten  noch  12  andere  Gesellschaften  mit  zirka
150  Untergesellschaften  in  den  Trust  ein,  unter  diesen  nicht  weniger  als  24  Eisenbahngesellschaften. ­
  Das  Kapital  des  Stahltrusts  beträgt  die  ungeheure  Summe  von
1100  Millionen  Dollars  Aktien,  wovon  aber  nur  zirka  870  Millionen  Dollars  ausstehen,
und  zirka  600  Millionen  Dollars  Obligationen,  also  zirka  6  Milliarden  M.  Manche
Schätzungen  gingen  dahin,  daß  die  Gesellschaft  mit  nahezu  einer  Milliarde  überkapitalisiert ­
  sei,  doch  ist  das  nicht  der  Fall,  denn  die  Reingewinne  waren  1902—1905
133,  109,  73,  120  Millionen  Dollars,  also  7—12  %  des  ganzen  Aktienkapitals.  Im
Jahre  1907  betrug  der  Reingewinn  170  Millionen  Dollars  (1908  nur  99  Millionen
Dollars).  Auf  allen  Werken  des  Trusts  waren  1907  210  180  Angestellte  beschäftigt,
die  zirka  161  Millionen  Dollars  an  Löhnen  bezogen.  1908  ging  infolge  unfangreicher ­
  Arbeiterentlassungen  die  Zahl  der  Angestellten  auf  165  211  zurück.  (Das
größte  Unternehmen  der  deutschen  Montanindustrie,  die  G  e  l  s  e  n  k  i  r  ch  e  n  e  r
Bergwerks-Aktien-Gesellschaft,  beschäftigte  1908  außer  1705  Beamten
44  343  Arbeiter,  welch  letzteren  sie  70,5  Millionen  Ji  Lohn  zahlte.)*)  Eine  eigentliche
monopolistische  Stellung  hat  der  Stahltrust  nicht,  er  liefert  durchschnittlich  nur  zirka
60  %  der  Stahlproduktion  des  Landes,  an  Rohstahl  nur  zirka  43  %.  Am  größten
ist  sein  Anteil  an  der  Walzdraht-  und  Drahtstiftproduktion  mit  zirka  70  %.  Doch  bestehen ­
  für  mehrere  Produkte  Abmachungen  mit  seinen  Konkurrenten  (sog.  gentlemen’
agreements),  die  in  periodischen  Zusammenkünften  erneuert  werden  (Stahlkonferenz). ­


6.  Der  kapitalistische  Geist.
Von  Willy  Wygodzinski.
Wygodzinski,  Wandlungen  der  deutschen  Volkswirtschaft  im  neunzehnten  Jahrhundert. ­
  6.—10.  Tausend.  Köln,  M.  Du  Mont-Schaubergsche  Buchhandlung,  1912.  S.  18—20.
Jede  Erscheinung  wird  am  augenfälligsten  da,  wo  sie  sich  extrem  gestaltet.  So
werden  wir  uns  am  besten  darüber  klar,  wie  der  kapitalisüsche  Geist  beschaffen  ist,
wenn  wir  ihn  dort  ansehen,  wo  er  sich  am  freiesten  entfalten  konnte,  im  Lande  der
unbegrenzten  Möglichkeiten,  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika.  Dort  ist  der
Typus  des  Kapitalisten  an  sich,  des  Milliardärs,  sozusagen  in  Reinkultur
ausgebildet  worden,  weil  viele  Hemmungen  fortfielen,  wie  sie  in  älteren  Kulturländern ­
  bestehen.  Diese  Hemmungen  sind  nicht  nur  solche  der  Gesetzgebung,  sondern
noch  mehr  solche  der  Tradition,  der  kulturellen  Ideale.  Der  Ehrgeiz  hat  in  Europa
viele  Wege,  auf  denen  er  zum  Ziele  gelangen  kann.  Der  Offizier,  der  Beamte,  der
Gelehrte,  der  Künstler,  um  nur  einiges  zu  nennen,  das  zu  werden  ist  wohl  ein  Ziel,

*)  Die  Gelsenkirchener  Bergwerks-Aktien-Gesellschaft,  Rheinelbe  bei  Gelsenkirchen,  beschäftigte ­
  im  Jahre  1911  auf  ihren  sämtlichen  Anlagen  47  686  (1910:45  640)  Arbeiter
und  2099  (1941)  Beamte  und  zahlte  73,3  (68,7)  Millionen  M  Löhne.  Stahl  und  Eisen.
Zeitschrift  für  das  deutsche  Eisenhüttenwesen.  Geleitet  von  Beumer  und  Petersen.  Düsseldorf,
Verlag  Stahleisen  m.  b.  H.,  1912.  S.  420.  —  G.  M.
            
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