Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

604  Sechster  Teil.  Volkswirtschaftliche  Zustände  in  Amerika.

in  ein  Geschäft  ein.  Die  Höhe  seines  Soldes  richtet  sich  nach  der  Art  und  Güte  der
Arbeit,  die  er  leistet,  oder  nach  dem  Grade  seiner  verwandtschaftlichen  oder  freundschaftlichen ­
  Beziehungen  zu  dem  Herrn  des  Geschäftes.  Der  Lohn  der  gewöhnlichen
Kontoristen  (Clerks)  und  Ladenverkäufer  (Shop  Assistants)  ist  weit  geringer  als
der  gelernter  Arbeiter.  Er  beträgt  in  New  Port  für  männliche  und  weibliche  Angestellte ­
  im  Anfange  5—10  Dollars  die  Woche.  Buchhalterinnen  und  Maschinenschreiberinnen ­
  steigen  im  kausmännischen  Bureau  selten  über  15  Dollars.  Wirklich
kaufmännische  Tüchtigkeit  wird  gut  gelohnt;  so  bezahlte  ein  mittlerer  New  Yorker
Großkaufmann  einem  etwa  30  Jahre  alten  Reisenden  (Salesman)  4000  Dollars
jährlich,  seinem  Buchhalter  2000  Dollars.
Deutsche  Kaufleute  nehmen  gern  junge  Leute  aus  Deutschland  wegen  ihrer  Anspruchslosigkeit, ­
  ihrer  Zuverlässigkeit  und  ihrer  Sprachkenntnisse.  In  den  eigentlichen
Geschäftsbetrieb  müssen  sich  diese  aber  erst  einarbeiten,  und  das  Urteil  über  das,  was
sie  in  der  praktischen  Lehre  im  Vaterlande  gelernt  haben,  ist  oft  recht  hart.  „Unsere
vierjährige  Lehrzeit  in  Bremen  war  ein  grober  Unfug",  sagte  mir  wörtlich  der  Inhaber ­
  eines  größeren  Hauses.
Größere  Betriebe  ziehen  sich  wohl  ihre  Leute  in  einer  Art  Lehrlingssystem  heran. ­
  Ein  sehr  großes  deutsches  Haus,  das  eine  ganze  Anzahl  verschiedener  Abteilungen ­
  umfaßt  und  viele  Beamte  beschäftigt,  stellt,  selbstverständlich  gegen  ortsüblichen
Lohn,  aber  ohne  bindende  Verträge,  nur  junge  Anfänger  an.  Von  ihnen  verlangt  es
gute  Elementarbildung  und  Beherrschung  des  Englischen  und  Deutschen.  Sie  werden
in  allen  Abteilungen  des  Geschäfts  ausgebildet  und  dauernd  dann  dort  beschäftigt,
wo  sie  das  meiste  Interesse  und  Geschick  gezeigt  haben.  Von  ihnen  rücken  dann  die
Tüchtigsten  in  die  leitenden  Stellen  auf.  Diese  Art  der  Herausbildung  des  Personals,
die  man  Civil  Service  System  nennt,  scheint  eine  gute  Vermittlung  zwischen  der
deutschen  Lehre  und  der  amerikanischen  Lohnarbeit  zu  sein  und  fördert  gleichzeitig  die
Interessen  des  Prinzipals  und  der  Angestellten.
Kein  deutscher  Handlungsgehilfe,  der  nicht  entweder  gute  Verbindungen  oder
reichliche  Mittel  besitzt,  sollte  übrigens  in  die  Vereinigten  Staaten  auswandern.  Das
Angebot  ist  groß.  Ein  tüchtiger  junger  Mensch  von  etwa  25  Jahren  schätzte  sich  nach
monatelangem,  vergeblichem  Suchen  glücklich,  in  New  Park  eine  Stelle  zu  finden,  wo
er  für  8  Dollars  Wochenlohn  täglich  von  8—6  hinter  dem  Ladentisch  stehen  mußte.
Das  ist  ein  Lohn,  den  ein  tüchtiger  Bauhandwerker  in  guten  Zeiten  in  einem  Tage
verdienen  kann.
Der  Amerikaner  aus  guter  Familie,  der  Kaufmann  wird,  macht  die  Elementarschule, ­
  die  Mittelschule  und  das  College  durch.  In  diesem  ging  er  früher  stets  durch
klassische  oder  naturwissenschaftliche,  jetzt  manchmal  auch  durch  volkswirtschaftlich,
technisch  oder  handelswissenschaftlich  gefärbte  Studiengänge  hindurch.  Durch  die  Absolvierung ­
  eines  angesehenen  College  wird  er  in  die  aristokratische  Gemeinschaft  der
Akademiker  aufgenommen.  Seine  handelstechnische  Ausbildung  erwirbt  er  sich  oft
nachträglich  durch  den  Besuch  eines  Business  College.
Wie  ein  deutsch-amerikanischer  Handelsherr  großen  Stiles,  dem  Geschäftsfreunde
in  aller  Welt  zu  Diensten  stehen,  die  Kaufmannsausbildung  auffaßt  und  angreift,
zeigt  folgender  Erziehungsplan.  Der  Betreffende  beabsichtigte,  seinen  Sohn  nach  vollendeter ­
  Mittelschulbildung  zunächst  4%  Jahr  ins  väterliche  Geschäft  zur  Erlernung
des  allgemeinen  Kontordienstes  zu  nehmen.  Dann  sollte  er  nach  Berlin  ins  Bankgeschäft ­
  und  von  dort  in  eine  deutsche  Wollkämmerei.  Darauf  sollte  er  in  Rußland
im  Dongebiet  die  Erzeugung  und  den  Einkauf  der  Teppichwolle  in  der  Praxis  kennen
lernen  und  hierauf  in  London  an  den  Wollauktionen  teilnehmen.  Von  London  sollte
er  nach  Australien  und  dann  nach  Südafrika  gehen  und  von  dort  zum  zweiten  Male
die  Londoner  Auktionen  besuchen.  Zu  guter  Letzt  sollte  er  in  Argentinien  Erzeugung,
            
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