9. Die Organisation des Getreidehandels.
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gering anzuschlagen. Man begegnet häufig genug ebenso einem Schwärmen für die
Vorzüge Europas und einer Herabsetzung der eigenen Einrichtungen, wie dem Chau
vinismus des Amerikaners, für den es überhaupt nichts Vollkommeneres als Amerika
gibt. Auch wir aber sollen den vorhandenen Mängeln gegenüber uns hüten, unbillig
zu urteilen, und vergessen, mit wie großen Schwierigkeiten Amerika und seine leiten
den Männer zu kämpfen hatten und noch immer haben. Wenn man berücksichtigt,
daß fast alle amerikanischen Städte mit einer rasenden Schnelligkeit gewachsen sind,
dann muß man anerkennen, daß das, was geschaffen ist, um nur einigermaßen mit
dieser Entwickelung Schritt zu halten, sehr achtbar ist. New Pork z. B. hat die
ganzen Jahre hindurch den ungeheuren Einwandererstrom zunächst aufgenommen
und dann nach Westen weitergeschoben. Was das für die Schule zu bedeuten hat,
können wir uns kaum vorstellen. In einer der New Uorker Schulen sagte mir die
Vorsteherin, eine irische Dame, sie habe 27 Nationen mit vielleicht 20 verschiedenen
fremden Sprachen unter ihren Kindern vertreten. Diese Kinder nur englisch ver
stehen zu lehren, ist schon ein schweres Stück, und nun soll doch der Unterricht gleich
zeitig fortschreiten und gefördert werden. Hier liegen Schwierigkeiten, von denen
unsere deutsche Schule so gut wie gar nichts weiß, wenigstens nichts, was mit solchen
Verhältnissen in Vergleich gestellt werden kann.
Bei der Energie und Tatkraft, mit der ohne Rücksicht auf die Kosten überall
gearbeitet wird, wird auch die Beseitigung der Mängel verhältnismäßig schnell er
folgen, sobald nur etwas Ruhe in der Schnelligkeit des Wachstums gegeben wird.
Den guten Willen, zu bessern und zu fördern, kann man den Amerikanern jedenfalls
nicht absprechen, noch viel weniger allen Schichten und Teilen der Bevölkerung das
volle Verständnis für die Wichtigkeit und den Wert der Jugenderziehung, und hierin
liegt die Gewähr, daß Stillstand oder Rückschritt auf diesem Gebiete sicherlich nicht
zu befürchten ist.
9. Die Organisation des Getreidehandels.
Von Hermann Schumacher.
Schumacher, Die Organisation des Getreidehandels in den Vereinigten Staaten von
Amerika. In: Weltwirtschaftliche Studien. Vorträge und Aufsätze. Leipzig, Veit & Comp.,
1911. S. 210—216.
In den europäischen Ländern und insbesondere in Deutschland haben sich die
Technik und die Organisation des Handels der Massengüter in ihren Grundzügen
bereits zu einer Zeit ausgebildet, als die Massengüter — vor allem, wo größere
Wasserstraßen fehlten, — noch fast ganz auf den Lokalmarkt beschränkt, nur in be
scheidenem Maße Gegenstand des Austausches unter Völkern geworden waren. Im
großen internationalen Handel, soweit von diesem die Rede sein kann, herrschten die
Waren hohen Werts und geringen Volumens vor, die die großen Kosten des meist
langwierigen, mühseligen Transports zu tragen vermochten. Diese hochwertigen
Güter erscheinen auf dem Markte, ihrer materiellen Natur, intensiven Wertigkeit und
meist geringen Ausdehnung entsprechend, in Kolliform: in Ballen, Fässern, Kisten,
Paketen. Nach dieser Verpackungsart bildete sich die Technik des Handels- und Trans
portgewerbes aus; sie ist in den Beförderungsmitteln, in den Hebevorrichtungen, in
den Lagerräumen berechnet auf ein dauernd und allseitig fest abgegrenztes Gut.
Als nun der Handel mit Massengütern, insbesondere Getreide, allmählich mit der
gewerblichen Differenzierung der Bevölkerung, mit dem Heranwachsen der Städte
sich entwickelte, um in unserer Zeit, beinahe plötzlich und unerwartet, in die fast
Mollat, Volkswirtschaftliches Quellenbuch. 4. Ausl. Zg