Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

622  Sechster  Teil.  Volkswirtschaftliche  Zustände  in  Amerika.

um  für  die  Vereinigten  Staaten  den  Kanal  politisch  rentabel  zu  machen,  auch  wenn
die  wirtschaftliche  Rentabilität  des  Betriebes  gering  bliebe.
Direkten  Gewinn  von  der  zu  erwartenden  Verkehrssteigerung  werden  auch  die
Republiken  Zentralamerikas  sowie  die  Staaten  der  sudamerikanischen  Westküste  haben.
Den  europäischen  Staaten  aber  erweisen  die  Amerikaner  schon  dadurch  einen
Dienst,  daß  sie  dem  englischen  Suezkanal  eine  Konkurrenz  schaffen  für  den  Weg  nach
Ostasien.
Die  Länge  des  ganzen  Kanals  beträgt  39,6  Seemeilen  (46,2  englische  Meilen
oder  74,34  km),  wovon  auf  den  eigentlichen  Kanal,  d.  h.  nach  Abzug  der  bis  zu  seiner
Mündung  im  Stillen  Ozean  auszubaggernden  Fahrrinne,  36,7  Seemeilen  kommen.
Die  Wassertiefe  soll  in  den  Schleusen  9,5—10  m  betragen.
Die  Scheitelhaltung  bei  Culebra  sollte  nach  dem  mittleren  der  ausgearbeiteten
Projekte,  dem  die  Ausführung  jedenfalls  am  nächsten  kommen  wird,  20,75  m  mit
ihrer  Sohle  über  dem  durchschnittlichen  Wasserstand  des  Atlantischen  Ozeans  liegen,
und  zu  ihr  sollten  von  der  atlantischen  Seite  erst  zwei  Schleusen  bei  Bohio  zum
Stausee  des  Chagresflusies  und  von  da  wiederum  zwei  bei  Obispo  emporführen.
Auf  der  pacifischen  Seite  waren  ebenfalls  vier  dem  steileren  Abfall  entsprechend
kürzere  Staustufen  vorgesehen.  Im  ganzen  wären  also  dann  8  Schleusen  vorhanden,
von  denen  jedoch,  wie  es  heißt,  eine  erspart  werden  soll.
Als  normale  Durchfahrtzeit  durch  den  Kanal  werden  14  Stunden  angegeben.
Die  Zeit,  welche  zum  Bau  des  Kanals  nötig  sein  würde,  war  ursprünglich  aus
10  Jahre  berechnet.  Zehn  Jahre  nahm  man  aber  auch  noch  an  als  Zeit  für  die
Vollendung,  nachdem  die  alte  und  die  neue  Panamagesellschaft  schon  ihre  Arbeit
gemacht  hatten.  Im  ersten  Vertrag  der  Vereinigten  Staaten  mit  Kolumbien  war
sogar  von  14  Jahren  die  Rede,  innerhalb  welcher  jene  sich  zur  Fertigstellung  verpflichteten. ­
  Daß  14  Jahre  nötig  sein  würden,  wurde  dabei  wohl  kaum  angenommen;
man  wollte  sich  nur  keine  zu  kurze  Frist  setzen.  Bleiben  wir  also  bei  der  früheren
Schätzung.  Wir  dürfen  dann  mit  Sicherheit  erwarten,  daß  der  Kanal  im  Jahre  1915
im  Betrieb  sein  wird.
Der  Kanal  eröffnet  einen  neuen  Zugang  zum  Stillen  Ozean,  und  es  wird  sich
daher  darum  handeln,  festzustellen,  welchen  Teil  der  heutigen  Verkehrslinien  nach
den  Plätzen  des  Stillen  Ozeans,  wobei  wir  nicht  bloß  solche  der  Seeschiffahrt,  sondern
auch  Überlandlinien  und  gemischte  Routen  ins  Auge  zu  fassen  haben  werden,  er  abzulenken ­
  und  durch  sich  hindurchzuführen  imstande  sein  wird.  —  Es  kommen  da  in
Betracht:  zunächst  der  starke  Verkehrsstrom  von  Europa  durch  den  Suezkanal  nach
Ostasien,  den  Sundainseln,  dem  Festland  von  Australien  und  den  ozeanischen  Inseln
samt  der  gegen  den  Hauptstrom  verschwindenden  Nebenlinie  für  Segler  um  das
Kap  der  guten  Hoffnung;  dann  der  zwar  unbedeutendere,  aber  doch  recht  ansehnliche
Strom  von  Europa  um  die  Südspitze  Amerikas  herum  nach  der  ganzen  Westküste
von  Amerika.  Was  die  Segelschiffahrt  betrifft,  ist  er  sogar  in  Anbetracht  des  langen
Weges  der  bedeutendste  des  Weltverkehrs.  Mit  ihm  vereinigt  sich  im  Süden  der
viel  schwächere  Strom,  der  von  der  Ostküste  Nordamerikas  sich  in  dieselben  Gegenden
ergießt.  Ferner  kommen  in  Betracht  der  Überlandverkehr  von  der  Ostküste  Amerikas
zu  Punkten  der  Westküste  ohne  oder  mit  nautischer  Fortsetzung  dieser  Verkehrslinien
zu  anderen  Küstenpunkten,  zu  Inseln  des  Ozeans  oder  zum  gegenüberliegenden  Ostasien
  und  Australien;  und  endlich  der  Verkehr  Europas  durch  den  westlichen  Kontinent ­
  hindurch  nach  den  gleichen  Küsten-  oder  überseeischen  Plätzen.
Mit  großer  Wahrscheinlichkeit  wird,  wenn  wir  alle  Umstände  berücksichtigen,
der  Kanal  für  Europa  keine  Umwälzung  des  Verkehrs  nach  Südamerika
bedeuten.  Ein  größerer  Teil  der  Waren  und  Personen  als  heute  wird  zwar  nach
der  Eröffnung  des  Kanals  den  Weg  über  Panama  gehen,  aber  der  überwiegende
            
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