Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

14.  Der  Panamakanal.

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14.  Der  Panamakanal.
Von  Andreas  Voigt.

Voigt,  Der  Panamakanal  und  seine  wirtschaftliche  Bedeutung.  In:  Amerika,  herausgegeben ­
  von  v.  Halle.  Hamburg,  Hamburger  Börsenhalle  G-  m.  b.  h.,  1905.  S.  718,
S.  723,  S.  725—726  und  S.  742—744.
Als  im  Jahre  1881  die  Franzosen  unter  L  e  s  s  e  p  s  den  Bau  des  Panamakanals
begannen,  wurden  sehr  bald  von  sachverständiger  Seite  Zweifel  laut,  ob  der  Kanal
von  der  französischen  Gesellschaft  jemals  vollendet  werden  würde.  Nachdem  heute
die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  selbst  die  Sache  in  die  Hand  genommen
haben,  dürfte  ein  Zweifel,  daß  der  Kanal  in  absehbarer  Zeit  zustande  kommen  werde,
wohl  kaum  ernst  zu  nehmen  fein.  Für  die  Franzosen  war  der  Durchstich  des  Isthmus
von  Panama  lediglich  eine  Forderung  ihres  nationalen  Enthusiasmus  und  ihrer
Eitelkeit,  ohne  politische,  ja  selbst  ohne  wirtschaftliche  Grundlage.  Im  günstigsten
Falle  hätten  sie  den  Amerikanern  einen  ähnlichen  Dienst  erwiesen,  wie  sie  ihn  den
Engländern  durch  den  Bau  des  Suezkanals  erwiesen  haben.  Hinter  dem  Unternehmen ­
  der  Amerikaner  dagegen  stehen  die  denkbar  stärksten  wirtschaftlichen  und
namentlich  politischen  Interessen;*)  und  da  nun  einmal  diese  schwerer  wiegen  als
zahlungsunfähige  Begeisterung,  so  dürfte  das  Werk,  was  die  Sicherheit  der  Ausführung ­
  betrifft,  jetzt  in  den  rechten  Händen  fein;  ob  auch  in  anderer  Beziehung,  das
ist  allerdings  für  Europa  eine  zweite  Frage.
Die  Amerikaner  rühmen  sich,  mit  dem  Bau  des  Panamakanals  der  ganzen
Welt  einen  Dienst  zu  leisten,  wenn  auch  der  Löwenanteil  des  Nutzens  immer  ihnen
selbst  bleiben  wird.  Die  wirtschaftliche  Annäherung  ihrer  Westküste  an  die  Ostküste
und  die  strategische  Stärkung  ihrer  Flotte  durch  die  Möglichkeit,  in  kürzerer  Zeit  als
bisher  die  Geschwader  des  Stillen  Ozeans  mit  denen  des  Atlantischen  zu  vereinigen,
was  ihnen  im  spanischen  Kriege  sehr  lebhaft  zum  Bewußtsein  kam,  würden  genügen,

*)  Bereits  im  Jahre  1827  äußerte  sich  Goethe  über  die  Bedeutung  des  Panamakanals ­
  für  die  Vereinigten  Staaten  folgendermaßen:  „Humboldt  hat  sin  seinem  Werke  über
Kuba  und  Kolumbiens  mit  großer  Sachkenntnis  noch  andere  Punkte  angegeben,  wo  man
mit  Benutzung  einiger  in  den  mexikanischen  Meerbusen  fließenden  Ströme  vielleicht  noch
vorteilhafter  zum  Ziele  käme  als  bei  Panama.  Dies  ist  nun  alles  der  Zukunft  und  einem
großen  Unternehmungsgeiste  vorbehalten.  So  viel  ist  aber  gewiß,  gelänge  ein  Durchstich  der
Art,  daß  man  mit  Schiffen  von  jeder  Ladung  und  jeder  Größe  durch  solchen  Kanal  aus  dem
mexikanischen  Meerbusen  in  den  Stillen  Ozean  fahren  könnte,  so  würden  daraus  für  die  ganze
zivilisierte  und  nichtzivilisierte  Menschheit  ganz  unberechenbare  Resultate  hervorgehen.  Wundern
sollte  es  mich  aber,  wenn  die  Vereinigten  Staaten  es  sich  sollten  entgehen  lassen,  ein  solches
Werk  in  ihre  Hände  zu  bekommen.  Es  ist  vorauszusehen,  daß  dieser  jugendliche  Staat,  bei
seiner  entschiedenen  Tendenz  nach  Westen,  in  dreißig  bis  vierzig  Jahren  auch  die  großen
Landstrecken  jenseit  der  Felsengebirge  in  Besitz  genommen  und  bevölkert  haben  wird.  Es
ist  ferner  vorauszusehen,  daß  an  dieser  ganzen  Küste  des  Stillen  Ozeans,  wo  die  Natur  bereits
die  geräumigsten  und  sichersten  Häfen  gebildet  hat,  nach  und  nach  sehr  bedeutende  Handelsstädte ­
  entstehen  werden,  zur  Vermittelung  eines  großen  Verkehrs  zwischen  China  nebst
Ostindien  und  den  Vereinigten  Staaten.  In  solchem  Fall  aber  wäre  es  nicht  bloß  wünschenswert, ­
  sondern  fast  notwendig,  daß  sowohl  Handels-  als  Kriegsschiffe  zwischen  der  nordamerikanischen ­
  westlichen  und  östlichen  Küste  eine  raschere  Verbindung  unterhielten,  als  es
bisher  durch  die  langweilige,  widerwärtige  und  kostspielige  Fahrt  um  das  Kap  Horn  möglich
gewesen.  Ich  wiederhole  also:  es  ist  für  die  Vereinigten  Staaten  durchaus  unerläßlich,  daß
sie  sich  eine  Durchfahrt  aus  dem  mexikanischen  Meerbusen  in  den  Stillen  Ozean  bewerkstelligen,
und  ich  bin  gewiß,  daß  sie  es  erreichen."  Eckermann,  Gespräche  mit  Goethe  in  den
letzten  Jahren  seines  Lebens  (1823—1832).  In  Auswahl  herausgegeben  von  Merian.  Berlin,
Fritz  Heyder,  [1911],  S.  87—88.  —  G.  M.
            
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