15. Das amerikanische Schutzsystem.
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Bis 1861 hießen die beiden Seiten des Wirtschaftslebens Norden und Süden,
nach dem Sezessionskriege Osten und Westen. In den Debatten des Kongresses über
das Zollwesen finden die Wünsche der verschiedenen Landesteile einen lauten Wider
hall. Doch gestalten sich hier die Forderungen nicht so einfach, daß etwa — was
freilich die Hauptsache ist — die Fabrikanten nur nach Schutzzoll rufen, „um die
jugendliche Industrie vor der überseeischen Konkurrenz zu retten", und daß die Baum-
woll-, Tabak- und Getreidebauern verlangen, Europa möge nur dauernd seine Waren
bei ihnen absetzen, um damit die Produkte der amerikanischen Landwirtschaft kaufen
zu können. Vielmehr kommt der Schutzanspruch für Wolle, Hanf, Kohle, Eisenerze,
Kupfer, Zink, Zinn usw. noch hinzu, gegen den die Industriellen mit Freihandels
argumenten plädieren. Endlich erscheint noch der Chor der Reeder und Kaufleute
auf der Bühne des wirtschaftlichen Konflikts, die sowohl importieren wie exportieren
wollen und, wie zwischen Ländern, so zwischen Theorien vermitteln zu können vermeinen.
Die Entscheidung der Differenzen wird nicht selten durch die Finanzpolitik
diktiert, weche entweder ein Mehr oder ein Weniger an Einnahmen vertritt. Im er
steren wie im letzteren Falle können ihr die Zölle zu hoch oder zu niedrig sein. Tragen
dieselben einen prohibitiven Charakter, so sollen sie herabgesetzt werden, damit mehr
ausländische Ware über die Grenze geht und die Zollkasse gefüllt wird; sind sie gering,
so soll der Steuerfuß aus dem gleichen Grunde erhöht werden. Wenn hingegen die
Einnahmen schwinden sollen, so kann die Prohibition das richtige Mittel fein, aber
auch Zollminderung, falls nach derselben eine nur mäßige Zunahme der Waren
einfuhr in Aussicht steht.
Die Sprecher der geschilderten wirtschaftlichen und finanziellen Interessen sind
die p o l i t i s ch e n P a r t e i e n des Landes. Es gibt deren zwei seit der Begründung
der Union, deren Name mehrfach im Verlaufe des Jahrhunderts gewechselt hat. Seit
dem Sezessionskriege heißen sie ununterbrochen Republikaner und Demokraten. Bis
weilen hat sich, wenn breitere Volksschichten mit ihnen unzufrieden waren, eine dritte
gebildet, die indessen immer ohne Bestand gewesen und mit den Hauptparteien rasch
verschmolzen ist. In den ersten sechzig Jahren des vorigen Jahrhunderts bestand ein
prinzipieller Gegensatz zwischen den damaligen großen Parteien, welcher auf staats
rechtlichem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiete einen Ausdruck fand. Die eine
vertrat den Süden, die Souveränität der Einzelstaaten, den Freihandel, die Sklaverei,
ihre Gegnerin den Norden, den bundesstaatlichen Zentralismus, den industriellen
Schutzzoll und die Abolition. Mit dem Kriege waren diese Streitfragen zugunsten
des Nordens entschieden, dennoch aber blieben die Parteien fortbestehen, die republi
kanische als überwiegend im Besitze der Regierungsgewalt, die demokratische als die
der Opposition. Durchgreifende Prinzipien haben sie bis 1888 weder aufgestellt noch
vertreten. Ihr Wesen bestand mithin darin, daß sie zwei Einrichtungen waren, durch
welche Politiker zu bezahlten Ämtern kommen, und durch welche private und Klassen
interessen sich die Staatsgewalt dienstbar machen konnten. Von den großen Fragen,
welche das Volk und den Staat ernstlich angingen, ergriff jede Partei zur Zeit, was
ihr als das Nützlichste erschien. In bezug auf den Tarif war die Mehrzahl der Demo
kraten für ein Finanzzollsystem (tariff for revenue only), die der Republikaner für
den Schutz der amerikanischen Industrie und Arbeit, für das sog. amerikanische
S y st e m, ohne jedoch daraus einen unantastbaren Programmpunkt zu machen. Die
Demokraten verteidigten gelegentlich auch die Eisenindustrien in Pennsylvanien,
Georgia und Südtennessee, sowie die Zuckerproduktion von Louisiana, in welchen
Staaten sie einen festen Stamm von Wählern hatten, und die Republikaner die kauf
männischen Interessen der atlantischen Hafenstädte.
Erst bei der Präsidentenwahl von 1888 und dann wieder 1892 wurde der Tarif
eine scharfe Scheidewand zwischen beiden Parteien, 1896 trat er aber hinter die Geld-
Mollat, Volkswirtschaftliches Quellenbuch. 4. Aufl. 4g