40
Zweiter Teil. Handel. I. Die Volkswirtschaft.
ihn erzeugt haben; ein anderer hat seinen Lauf vollendet, wenn er aus einer Wirt
schaft in die andere übergegangen ist.
Aber es wird heute auch in dem entlegensten Bauernhöfe kein Sack Weizen
mehr produziert ohne Zusammenhang mit dem Ganzen des volkswirtschaftlichen
Verkehrs. Wird er auch im Hause des Produzenten konsumiert, so ist doch ein guter
Teil der Produktionsmittel (der Pflug, die Senfe, die Dreschmaschine, der künstliche
Dünger, das Zugtier usw.) verkehrsmäßig erworben, und der Selbstverbrauch findet
nur statt, wenn er nach den Marktverhältnissen wirtschaftlich erscheint. Auch der
Sack Weizen ist mit einem festen Faden an das große kunstvolle Gewebe des volks
wirtschaftlichen Verkehrs angeknüpft. Und so sind wir es alle mit unserem wirtschaft
lichen Tun und Denken.
2. Die Volkswirtschaft.
Von Karl Bücher.
Bücher, Die Entstehung der Volkswirtschaft. In: Die Entstehung der Volkswirt
schaft. Vorträge und Versuche. 8. Ausl. Tübingen, H. Laupp, 1911. S. 135—142.
Die Ausbildung der Volkswirtschaft ist im wesentlichen eine Frucht der
politischen Zentralisation, welche gegen Ende des Mittelalters mit der Entstehung
territorialer Staatsgebilde beginnt und in der Gegenwart mit der Schöpfung des
nationalen Einheitsstaates ihren Abschluß findet. Die Zusammenfassung der wirt
schaftlichen Kräfte geht Hand in Hand mit der Beugung der politischen Sonder
interessen unter die höheren Zwecke der Gesamtheit.
In Deutschland sind es die größeren Territorialfürsten, welche die moderne
Staatsideee im Kampfe mit dem Landadel und den Städten zum Ausdruck zu bringen
suchen, — freilich vielfach unter großen Schwierigkeiten, namentlich wo die Territorien
arg zersplittert waren. Schon seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts bemerken
wir hier mancherlei Anzeichen eines engeren wirtschaftlichen Zusammenschlußes: die
Schaffung einer Landesmünze an Stelle der vielen städtischen, den Erlaß von Landes
ordnungen über Handel, Märkte, Gewerbebetrieb, Forstwesen, Bergwerke, Jagd und
Fischerei, die allmähliche Ausbildung des fürstlichen Privilegien- und Konzessions
wesens, den Erlaß von Landrechten, welche größere Rechtseinheit herbeiführten, die
Entstehung eines geordneten Staatshaushaltes.
Während aber in Deutschland noch jahrhundertelang die landschaftlichen
Interessen vorwiegen und an diesen die Anstrengungen, welche die Reichsgewalt in
der Richtung einer nationalen Wirtschaftspolitik machte, kläglich scheiterten, sehen wir
die westeuropäischen Staaten: Spanien, Portugal, England, Frankreich, die Nieder
lande seit dem 16. Jahrhundert auch schon äußerlich als einheitliche Wirtschaftsgebiete
dadurch hervortreten, daß sie eine kraftvolle Kolonialpolitik entfalten, um die reichen
Hilfsquellen der neuerschlossenen überseeischen Gebiete zunutze zu machen.
In allen diesen Ländern tritt, wenn auch in verschiedener Stärke, der Kampf
mit den Sondergewalten des Mittelalters hervor: dem großen Adel, den Städten,
Provinzen, geistlichen und weltlichen Korporationen. Zunächst handelt es sich ja
gewiß um Vernichtung der selbständigen Kreise, welche sich der politischen Zu
sammenfassung hemmend in den Weg stellten. Aber im tiefsten Grunde der Bewe
gung, welche zur Ausbildung des fürstlichen Absolutismus führte, schlummert doch der
weltgeschichtliche Gedanke, daß die neuen größeren Kulturaufgaben der Menschheit
eine einheitliche Organisation ganzer Völker, eine große lebendige Jnteressengemein-