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Zweiter Teil. Handel. I. Die Volkswirtschaft.
Handen sei. Schon dem Nationalökonomen wird es sauer, obgleich er doch nur mit
materieller Arbeit zu schaffen hat, deren Früchte sich zählen und wägen lassen.
Denn weder, indem er die Zahl der Arbeiter der einzelnen Berufskreise nebenein
ander stellt, noch indem er den Beitrag dieser Kreise zu dem Volkseinkommen gegen
einander abwägt, erhält er ein vollkommen reines und gerechtes Ergebnis. Auch
in der materiellen Arbeit steckt nämlich ein gutes Bruchteil geistiger Kultur, welches
schwer in die Wagschale der einzelnen Arbeitsgruppen fällt, entscheidend für die
wirtschaftliche Macht dieser Gruppen, und nicht in Prozenten oder Dezimalbrüchen
sich ausdrücken läßt. Der soziale Volksforscher vollends bewegt sich im Gebiete
geistiger Statistik, die kein Hexenmeister in Ziffern bannen kann, er hat nicht nur
die materielle, sondern auch die Geistesarbeit auf ihr Gleichgewicht zu prüfen und
soll dabei entscheiden über eine Blüte geistiger Gesittung, die sich nur in Tatsachen
schildern, nicht aber kraft der vier Spezies beweisen läßt. Dennoch sollen beide nicht
ermüden in ihrer schweren Aufgabe, begeistert durch den Gedanken, daß es gilt,
in der Lehre vom Gleichgewicht der Arbeit nicht bloß die Gesetze der Wirtschaft
und des Völkerlebens zu erkennen, sondern auch dem Volke die Moral der Arbeit
im großen Stile zu predigen und als Sittenlehrer der Nationen zugleich, nach dem
Bilde Platos, die rechte Sitte der harmonischen Arbeit wachzurufen in jedem einzelnen.
4. Arbeit und Rhythmus.
Von Karl Bücher.
Bücher, Arbeitsvereinigung und Arbeitsgemeinschaft. In: Die Entstehung der
Volkswirtschaft. Vorträge und Versuche. 8. Ausl. Tübingen, H. Laupp, 1911. S. 261,
S. 272, S. 277—278 und S. 282—286.
Arbeitsoereinigung ist die Vereinigung verschiedenartiger Arbeiten in einer
Hand, Arbeitsgemeinschaft die gleichzeitige Verwendung mehrerer Arbeiter zur Be
wältigung einer Arbeitsaufgabe.
Das Prinzip der Arbeitsvereinigung ist bei allem Reichtum ihrer Erscheinungsformen
ein ziemlich einfaches: überschüssige Kraft soll nutzbringend verwendet werden. Das Prinzip
der Arbeitsgemeinschaft läßt sich nicht auf eine so glatte Formel bringen. Im allgemeinen
handelt es sich ja darum, die unzulängliche Einzelkraft so weit zu ergänzen, daß die vor
liegende Arbeitsaufgabe bewältigt werden kann. Aber die Unzulänglichkeit der Kraft des
einzelnen Arbeiters kann wieder verschiedene Ursachen haben. Sie kann begründet sein in
einer bestimmten geistigen Veranlagung des Arbeiters, die ihn hindert, allein anhaltend tätig
zu fein; sie kann auf ungenügender Körperkraft beruhen, und sie kann endlich in technischen
Umständen liegen, die bewirken, daß eine Arbeit nicht ohne eine andere, von ihr verschiedene
geleistet werden kann. Je nachdem einer von diesen drei Fällen stattfindet, ergeben sich drei
verschiedene Arten der Arbeitsgemeinschaft. Die erste können wir Gesellschaftsarbeit
oder gesellige Arbeit nennen, die zweite Arbeitshäufung und die dritte Ar
beitsverbindung . . . .
Unter Arbeitshäufung verstehen wir die Aufbietung mehrerer gleich
artiger Arbeitskräfte zur Bewältigung einer einheitlichen Arbeitsaufgabe, z. B. zum
Aufladen einer schweren Last, zum Schieben eines Balkens, zum Mähen einer Wiese,
zum Treiben bei der Jagd. Die zu leistende Arbeit braucht an sich nicht für die
Kraft eines einzigen zu schwer zu fein; es genügt schon, daß sie von ihm nicht in
gehöriger Zeit vollendet werden kann, um die Verwendung einer Mehrzahl von
Arbeitern vorteilhaft zu machen. Dies fällt besonders bei solchen Tätigkeiten ins
Gewicht, welche an bestimmte Jahreszeiten gebunden oder von der Witterung ab-