Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

5. Luxus und Sparsamkeit. 
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In der Wissenschaft hat man immer von neuem versucht, eine erschöpfende 
Begriffsbestimmung des L u x u s zu geben. Man hat ihn bezeichnet als die als etwas 
sittlich Gleichgültiges vorgenommene unproduktive Verwendung des freien Einkom 
mens, als einen Verbrauch, der das durch das Bedürfnis gegebene Maß von Auf 
wand überschreitet. Diese wissenschaftlichen Erklärungen geben aber den Begriff des 
Luxus im einzelnen nicht wieder, da der Luxus ein Teil des Lebensstandes eines 
Volkes oder einer Gesellschaftsklasse ist und der Lebensstand jedes Volkes und jeder 
Gesellschaftsklasse sich nach ihrem allgemeinen Kulturstande, nach klimatischen Ver 
hältnissen, nach überlieferten Sitten und Gebräuchen richtet. Was in vergangenen 
Zeiten als Luxus galt, ist häufig demnächst ein allgemeines Volksbedürfnis geworden, 
und man behauptet mit Recht, daß es ein Zeichen wachsender Wohlhabenheit und 
entsprechender Hebung des Lebensstandes eines ganzen Volkes sei, wenn Bedürfnisse, 
die früher nur von wenigen befriedigt werden konnten, sich zu einem allgemein als 
berechtigt anerkannten Volksbedürfnisse auswachsen. Im gewöhnlichen Leben pflegt 
man vielfach auch Ausgaben anderer für Luxus zu halten, die man selbst sich nicht 
gewähren kann oder nicht gewähren will. 
Der Begriff des Luxus ist hiernach kein unbedingter, sondern ein nach Ort, 
Zeit und Individuum verschiedener, wie auch die Verwandlung der natürlichen Roh 
stoffe in Lebensbedürfnisse des Menschen immer umfangreicher und verwickelter ge 
worden ist. Die Umgestaltung der wirtschaftlichen Kulturverhältnisse verschiebt eben 
fortwährend in allen Schichten der Gesellschaft die Grenzlinie zwischen dem unbedingt 
Notwendigen und dem streng genommen Entbehrlichen; in diesem Sinne hat die 
Wissenschaft den Luxus als einen tastenden Versuch bezeichnet, der zivilisatorischen 
Entwicklung auch auf dem Gebiete des Genusses einen angemessenen Ausdruck zu 
verleihen. Hieraus folgt, daß es volkswirtschaftlich und ethisch verkehrt wäre, in dem 
Luxus etwas an sich Verwerfliches zu sehen, volkswirtschaftlich schon deshalb verkehrt, 
weil ein Rückgang zum Naturzustand der Menschheit, wie ihn Jean Jacques Rousseau 
befürwortete, selbst in abgeschwächter Form bei unserer schnell wachsenden Bevölke 
rung und der Leistungsfähigkeit unserer Technik Millionen von Menschen die Mög 
lichkeit der nützlichen Verwendung ihrer geistigen und körperlichen Kräfte und damit 
ihre Existenzmöglichkeit nehmen würde. Gegenüber der Auffassung Jean Jacques 
Rousseaus kann man auf den sog. Luxus unserer Zeit, glaube ich, das Wort Schleier 
machers anwenden, daß ein Volk oder Stand, die geschichtlich eingreifen, keine idylli 
schen Sitten haben dürfen. 
Ein den Verhältnissen angemessener verständiger Luxus steht in keinem Gegen 
satze zur Sparsamkeit, vielmehr ist vorsorgende Sparsamkeit mit edlem Luxus sehr 
wohl vereinbar. Luxus bedeutet keineswegs immer Verschwendung. Dagegen wird es 
sicher ein tadelnswerter Luxus sein, wenn die Ausgaben für Kleider in einem Mißver 
hältnis zu den übrigen Ausgaben für notwendige Lebensbedürfnisse, für Nahrung. 
Wohnung usw. stehen. Wo aber dieses Mißverhältnis nicht obwaltet, muß man sich 
freuen, welcher gewaltige Kulturfortschritt unseres Volkes auch in der äußeren Er 
scheinung der minderbemittelten Volksklasse Deutschlands liegt. Wer englische und 
französische Fabrikstädte besucht hat, erkennt, welchen offensichtlichen Fortschritt gerade 
die deutsche Arbeiterbevölkerung in dieser Beziehung gemacht hat. 
Es gibt auch einen verletzenden Luxus, dem man es nachfühlt, daß er nur ge 
trieben, um vor anderen hervorzustechen, um andere zu übertrumpfen, einen Luxus, 
der dem Genießenden nur die Befriedigung der Eitelkeit bieten, aber keinen höheren 
Genuß gewähren kann. Es gibt auch einen Luxus, der zu seelischer und körperlicher 
Entartung führt; an diesen Luxus denkt wohl Paulus bei seiner Ermahnung: Römer, 
Kap. 13, Vers 14. Ein zu verurteilender Luxus des einzelnen ist es auch, wenn er 
feine Ausgaben nicht abstuft nach dem Grade ihrer inneren Notwendig- 
Mollak, Volkswirtschaftliches Quellenbuch. 4. Aufl. 4
	        
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