58
Zweiter Teil. Handel. II. Der Handel im allgemeinen.
vom Handel ausgehen können, so kann sehr leicht gelegentlich eine Überschätzung
gerade dieser Wirkungen eintreten.*)
4. Ist der Handel produktiv?
Von Richard van der Borght.
van der Borght, Handel und Handelspolitik. (Hand- und Lehrbuch der Staats
wissenschaften. 1. Abt., 16. Bd.) 2. Ausl. Leipzig, C. L. Hirschfeld, 1907. S. 35—36.
Trotz der für die Volkswirtschaft günstigen Wirkungen, die vom Handel aus
gehen können, ist der alte Streit noch immer nicht verstummt, ob der Handel „produk
tiv" sei. Das ist ein Streit um Worte, weil unter „Produktion" und „produktiv" usw.
von den einzelnen Beurteilern sehr verschiedene Dinge verstanden werden. Versteht
man unter Produktion nur die Sachgütererzeugung, so ist der Handel nicht produktiv,
weder seiner Wirkung noch seiner Tendenz nach; denn Sachgüter erzeugt er nicht.
Sucht man das Wesentliche all der Tätigkeiten, die wir Produktion nennen, heraus
zuschälen, so liegt die Sache ganz anders. Alle diese Tätigkeiten laufen darauf hinaus,
durch Steigerung der Tauglichkeit zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse die
Wertfähigkeit der Güter zu steigern, d. h. sie fähig zu machen, daß sie von den
Menschen höher bewertet werden. Ob das gelingt, ist eine andere Frage. Wir
gebrauchen den Ausdruck Produktion nicht nur für diejenige Tätigkeit, welche Er
folg hat, also tatsächlich die Menschen zu einer höheren Bewertung der Güter ver
anlaßt, sondern auch für alle diejenigen, welche eine gleiche Tendenz verfolgen, ohne
das Ziel erreichen zu können. In diesem Sinne handelt es sich bei der Produktion
stets um diejenige menschliche Tätigkeit, welche auf die Steigerung der Wertfähigkeit
der Güter gerichtet ist, gleichviel, ob die Tätigkeit in einer mechanischen oder chemischen
Umgestaltung oder — wie beim Bergbau — in einer Ortsveränderung in vertikaler
Richtung oder in etwas anderem besteht. **) Der Handel nimmt auch eine Ortsver-
*) In dieser Beziehung sind besonders die folgenden Ausführungen Friedrich Lifts
charakteristisch: „Ihm sd. h. dem Kaufmann! ist es gleichgültig, und nach der Natur seines
Geschäftes und Bestrebens kann er sich auch nicht wohl darum kümmern, in welcher Weise
die von ihm importierten oder exportierten Waren auf die Moralität, den Wohlstand und die
Macht der Nation wirken. Er importiert Gifte wie Heilstoffe. Ganze Nationen entnervt er
durch Opium und gebrannte Wasser. Ob er durch seine Importationen und Einschwärzungen
Hunderttausenden Beschäftigung und Unterhalt verschaffe, oder ob sie dadurch an den Bettel
stab gebracht werden, geht ihn als Geschäftsmann nichts an, wenn nur seine Bilanz dadurch
gewinnt. Suchen dann die Brotlosgewordenen durch Auswanderung dem Elend im Vater
land zu entrinnen, so gewinnt er noch Tauschwerte vermittelst ihrer Fortschaffung. Im Krieg
versorgt er den Feind mit Waffen und Munition. Er würde, wäre es möglich, Acker und
Wiesen ins Ausland verkaufen und, hätte er das letzte Stück Landes abgesetzt, sich auf sein
Schiff setzen und sich selbst exportieren " L i st, Das nationale System der politischen Ökonomie.
7. Ausl. Mit einer historischen und kritischen Einleitung von Eheberg. Stuttgart, I. G. Cotta,
1883. S. 219. — G. M.
**) Vgl. hierzu die folgende Stelle aus der berühmten Polemik Friedrich Lifts mit
Adam Smith: „Wer Schweine erzieht, ist nach ihr sd. h. nach der Smith schen Schule!
ein produktives, wer Menschen erzieht, ein unproduktives Mitglied der Gesellschaft. Wer
Dudelsäcke oder Maultrommeln zum Verkauf fertigt, produziert; die größten Virtuosen, da
man das von ihnen Gespielte nicht zu Markte bringen kann, sind nicht produktiv. Der Arzt,
welcher seine Patienten rettet, gehört nicht in die produktive Klasse, wohl aber der Apotheker
junge, obgleich die Tauschwerte oder die Pillen, die er produziert, nur wenige Minuten exi-