Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

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Zweiter  Teil.  Handel.  II.  Der  Handel  im  allgemeinen.

vom  Handel  ausgehen  können,  so  kann  sehr  leicht  gelegentlich  eine  Überschätzung
gerade  dieser  Wirkungen  eintreten.*)

4.  Ist  der  Handel  produktiv?
Von  Richard  van  der  Borght.

van  der  Borght,  Handel  und  Handelspolitik.  (Hand-  und  Lehrbuch  der  Staatswissenschaften. ­
  1.  Abt.,  16.  Bd.)  2.  Ausl.  Leipzig,  C.  L.  Hirschfeld,  1907.  S.  35—36.
Trotz  der  für  die  Volkswirtschaft  günstigen  Wirkungen,  die  vom  Handel  ausgehen ­
  können,  ist  der  alte  Streit  noch  immer  nicht  verstummt,  ob  der  Handel  „produktiv" ­
  sei.  Das  ist  ein  Streit  um  Worte,  weil  unter  „Produktion"  und  „produktiv"  usw.
von  den  einzelnen  Beurteilern  sehr  verschiedene  Dinge  verstanden  werden.  Versteht
man  unter  Produktion  nur  die  Sachgütererzeugung,  so  ist  der  Handel  nicht  produktiv,
weder  seiner  Wirkung  noch  seiner  Tendenz  nach;  denn  Sachgüter  erzeugt  er  nicht.
Sucht  man  das  Wesentliche  all  der  Tätigkeiten,  die  wir  Produktion  nennen,  herauszuschälen, ­
  so  liegt  die  Sache  ganz  anders.  Alle  diese  Tätigkeiten  laufen  darauf  hinaus,
durch  Steigerung  der  Tauglichkeit  zur  Befriedigung  menschlicher  Bedürfnisse  die
Wertfähigkeit  der  Güter  zu  steigern,  d.  h.  sie  fähig  zu  machen,  daß  sie  von  den
Menschen  höher  bewertet  werden.  Ob  das  gelingt,  ist  eine  andere  Frage.  Wir
gebrauchen  den  Ausdruck  Produktion  nicht  nur  für  diejenige  Tätigkeit,  welche  Erfolg ­
  hat,  also  tatsächlich  die  Menschen  zu  einer  höheren  Bewertung  der  Güter  veranlaßt, ­
  sondern  auch  für  alle  diejenigen,  welche  eine  gleiche  Tendenz  verfolgen,  ohne
das  Ziel  erreichen  zu  können.  In  diesem  Sinne  handelt  es  sich  bei  der  Produktion
stets  um  diejenige  menschliche  Tätigkeit,  welche  auf  die  Steigerung  der  Wertfähigkeit
der  Güter  gerichtet  ist,  gleichviel,  ob  die  Tätigkeit  in  einer  mechanischen  oder  chemischen
Umgestaltung  oder  —  wie  beim  Bergbau  —  in  einer  Ortsveränderung  in  vertikaler
Richtung  oder  in  etwas  anderem  besteht.  **)  Der  Handel  nimmt  auch  eine  Ortsver-*)

  In  dieser  Beziehung  sind  besonders  die  folgenden  Ausführungen  Friedrich  Lifts
charakteristisch:  „Ihm  sd.  h.  dem  Kaufmann!  ist  es  gleichgültig,  und  nach  der  Natur  seines
Geschäftes  und  Bestrebens  kann  er  sich  auch  nicht  wohl  darum  kümmern,  in  welcher  Weise
die  von  ihm  importierten  oder  exportierten  Waren  auf  die  Moralität,  den  Wohlstand  und  die
Macht  der  Nation  wirken.  Er  importiert  Gifte  wie  Heilstoffe.  Ganze  Nationen  entnervt  er
durch  Opium  und  gebrannte  Wasser.  Ob  er  durch  seine  Importationen  und  Einschwärzungen
Hunderttausenden  Beschäftigung  und  Unterhalt  verschaffe,  oder  ob  sie  dadurch  an  den  Bettelstab ­
  gebracht  werden,  geht  ihn  als  Geschäftsmann  nichts  an,  wenn  nur  seine  Bilanz  dadurch
gewinnt.  Suchen  dann  die  Brotlosgewordenen  durch  Auswanderung  dem  Elend  im  Vaterland ­
  zu  entrinnen,  so  gewinnt  er  noch  Tauschwerte  vermittelst  ihrer  Fortschaffung.  Im  Krieg
versorgt  er  den  Feind  mit  Waffen  und  Munition.  Er  würde,  wäre  es  möglich,  Acker  und
Wiesen  ins  Ausland  verkaufen  und,  hätte  er  das  letzte  Stück  Landes  abgesetzt,  sich  auf  sein
Schiff  setzen  und  sich  selbst  exportieren  "  L  i  st,  Das  nationale  System  der  politischen  Ökonomie.
7.  Ausl.  Mit  einer  historischen  und  kritischen  Einleitung  von  Eheberg.  Stuttgart,  I.  G.  Cotta,
1883.  S.  219.  —  G.  M.
**)  Vgl.  hierzu  die  folgende  Stelle  aus  der  berühmten  Polemik  Friedrich  Lifts  mit
Adam  Smith:  „Wer  Schweine  erzieht,  ist  nach  ihr  sd.  h.  nach  der  Smith  schen  Schule!
ein  produktives,  wer  Menschen  erzieht,  ein  unproduktives  Mitglied  der  Gesellschaft.  Wer
Dudelsäcke  oder  Maultrommeln  zum  Verkauf  fertigt,  produziert;  die  größten  Virtuosen,  da
man  das  von  ihnen  Gespielte  nicht  zu  Markte  bringen  kann,  sind  nicht  produktiv.  Der  Arzt,
welcher  seine  Patienten  rettet,  gehört  nicht  in  die  produktive  Klasse,  wohl  aber  der  Apothekerjunge, ­
  obgleich  die  Tauschwerte  oder  die  Pillen,  die  er  produziert,  nur  wenige  Minuten  exi-
            
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