8. Handel, Industrie und Landwirtschaft.
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gegenüber Kunst und Wissenschaft zu erfüllen hat. Erst wenn ein solches Gefühl
eigener Pflicht und Verantwortlichkeit unseren tüchtigen deutschen Handelsstand durch
dringt, wird feine Zukunft sich wieder aufhellen.
8. Handel, Industrie und Landwirtschaft.
Von Bernhard Fürst v. Bülow.
v. Bülow, Rede, gehalten am 19. Februar 1906 beim Festmahle des Deutschen Handels-
tages in Berlin. In: Handel und Gewerbe. Zeitschrift für die zur Vertretung von Handel
und Gewerbe gesetzlich berufenen Körperschaften. Herausgegeben von Soetbeer. 13. Jahr
gang. Berlin, Carl Heymanns Verlag, 1906. S. 408.
Sie haben oft gelesen und vielleicht auch selber gesagt und gedacht, der p. Bülow
habe nur Sinn und Verständnis für agrarische Gesichtspunkte und Forderungen.
Wenn ich so einseitig wäre wie dieser Vorwurf, dann stände ich wohl jetzt nicht in
Ihrer Mitte. Ein deutscher Reichskanzler ohne Verständnis für die Bedeutung von
Handel und Industrie, das ist ein Unding. Und wenn er die Erkenntnis
von der Unentbehrlichkeit dieser großen Wirtschaftszweige für unser nationales Ge
deihen auf seinen Posten nicht mitbrächte, sie würde ihm in der Ausübung des
Amtes anerzogen werden. Bei mir hat es dessen nicht bedurft. Ich bin schon,
als ich die über Erwarten vielgestaltige Entwicklung des deutschen Lebens feit der
Reichsgründung noch vom Auslande her beobachtete, in kleinen und großen Fragen
darauf hingewiesen worden, welches Aktivum eine leistungsfähige Industrie und ein
blühender Handel für die internationale Geltung ihrer Länder in die Wagschale
werfen. Und welcher Deutsche sollte nicht Freude darüber empfinden, Freude dar
über, daß Hans der Träumer, wie man ihn früher nannte, weltwirtschaftlich wach
geworden ist und seinen Mann steht im Wettbewerb mit anderen älteren Handels
völkern? Wer fühlte nicht — ich möchte sagen — den nationalen Herzschlag stärker,
wenn er in Rheinland-Westfalen sich den Hochburgen unserer Eisenindustrie nähert,
wenn ihm in den Berliner elektrischen Werken die Fortschritte unserer Technik
vor Augen treten, wenn er im Hamburger Hafen, in dessen Nähe ich aufgewachsen
bin, die Riesendampfer sieht, die den deutschen Handel über alle Meere tragen?
Ich will das glänzende Bild, so berechtigt der patriotische Stolz auf unseren
wirtschaftlichen Aufschwung ist, nicht weiter ausmalen. Möglicherweise werden wir
ohnehin morgen lesen, ich sei nun doch dem Merkantilismus und Industrialismus
ins Garn gegangen, — meinetwegen! Es ist nun einmal so im guten deutschen
Lande, daß mehr oder weniger alle Erwerbsstände liebevoll die Regierung um
drängen, wie in Werthers Leiden die Kinder die Brot schneidende Lotte, und eine
ordentliche Regierung muß auch dafür sorgen, daß jeder nicht nur sein Brot, sondern
auch Butter aufs Brot bekommt. Ich verleugne aber auch hier nicht, was ich im
Kreise von Landwirten öfters ausgeführt habe, ich scheue mich nicht, auch vor dieser
Versammlung zu wiederholen: Ich betrachte allerdings die deutsche Landwirr'
s ch a f t als das Sorgenkind des deutschen Reichskanzlers. Ich bin überzeugt, daß
ihr Gedeihen auch den anderen großen Zweigen unseres Wirtschaftslebens Vorteil
bringt, nicht zuletzt dem Handel. Ein neues Aufblühen unserer Bodenkultur wird
auch dem Handel neue Triebkräfte geben. Und wenn es ihm vergönnt sein sollte,
wie ich das aufrichtig hoffe, in Zukunft noch glücklicher als bisher in die Ferne zu
schweifen, so möge er die Schwester nicht vergessen, die treu auf der heimatlichen
Scholle arbeitet, deren Arbeit wirtschaftlich und sozialpolitisch die Grundlage eines