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Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule
die Deduktion allein, noch die Induktion allein; nicht die
historische Methode allein, noch die biologische allein, sondern
die Gesamtheit aller Verfahren, welche wissenschaftliche Wahr
heiten zu erforschen und zu erweisen vermögen. „Die histo
rische Methode kann ein fruchtbares Forschungsverfahren nur
dann sein, wenn man die Generalisationen der Geschichte mit
den Gesetzen der menschlichen Natur verbindet 1 ).“ Es empfiehlt
sich heute nicht mehr zu tun, was Baco den theologischen und
metaphysischen Begriffen und Anschauungen gegenüber tat,
nämlich mit allen vorausgegangenen Arbeiten tabula rasa zu
machen. Das beste Mittel, in der Erkenntnis der Wahrheit
Fortschritte zu machen, ist, die bestehenden Hypothesen und
Theorien als Instrumente zu weiterer Forschung zu gebrauchen.
Deren eventuelle Fehler werden dabei zutage treten 2 ).
Der wichtigste Punkt in der Methodologie von A. Liesse
ist die Unterscheidung zwischen der Doktrin, die aus reiner
Theorie und feststehenden Dogmen besteht, und augenblick
licher Interpretation der Doktrin, die den Bedürfnissen der
Gegenwart angepaßt ist 3 ). Diese Unterscheidung ist der
Schlüssel jener eigenartigen Verbindung streng orthodoxer Prin
zipien mit der Idee der Relativität, welche tatsächlich sein
ganzes Denken beherrscht. Nichts ist der Klarheit der Beweis
führung schädlicher, sagt er, als wenn Erwägungen der prak
tischen Anwendung die Darstellung der Theorie belasten.
Genau wie man in der Mechanik das Gebiet der rationellen
von dem der angewandten scheidet, muß man in der National
ökonomie die reine Wissenschaft von der Kunstlehre trennen.
„Die Nationalökonomie als Wissenschaft ist außer Stande, alle
praktischen Fragen des wirtschaftlichen Erscheinungsgebietes
*) ibid. art. Méthode, p. 266.
2 ) ibid.
3 ) „Die liberale Schule ist freihändlerisch,“ meint er; „aber die Verwirk
lichung des Freihandels will sie erst in hundert Jahren.“ Oder: „In Frankreich
sind 7 Millionen Arbeiter und Kleinbauern, welche das Bedürfnis haben, ihre
Existenz zu sichern. Sie sind noch zu unwissend und zu unerfahren, um das
heute selbst tun zu können. Darum tut ihnen Bevormundung, etwa nach dem
belgischen System der Sozialversicherung, not. In hundert Jahren vielleicht
sind wir so weit, daß wir jeden auf eigene Füße stellen und sich selbst über
lassen können.“ (Notizen aus Privatgesprächen.)