Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

Vorgeschichte  189

Anklang  fanden  de  Maistre  und  de  Bonald  in  Frankreich ­
  nur  wenig.  Erst  unter  der  dritten  Republik  knüpfte  die
Schule  de  la  Tour  duPins  und  de  Muns  an  deren  Tradition
an.  Immerhin  ist  die  von  dieser  Schule  gepriesene  Feudalordnung ­
  des  hohen  Mittelalters  etwas  von  dem  Absolutismus,  zu
dessen  Vorkämpfern  sich  de  Maistre  und  de  Bonald  auswarfen, ­
  Verschiedenes.
Nach  Ausscheidung  von  de  Maistre  und  de  Bonald
und  ihrer  wenigen,  an  der  Wiederherstellung  des  ancien  régime
interessierten  Anhänger,  gilt  für  das  Gros  der  Katholiken  der
ersten  Hälfte  des  XIX.  Jahrhunderts  daß  sie  die  aus  der  Revolution ­
  hervorgegangene  Gesellschaftsordnung  mindestens  als
Ausgangspunkt  zu  einer  sozialen  Neuordnung  annehmen.  Allerdings ­
  wurde  in  katholischen  Kreisen  das  soziale  Unbehagen,
welches  die  die  Massen  proletarisierende,  großindustrielle  Entwicklung ­
  erzeugte,  lebhaft  empfunden.  Die  Tatsache  des  Pauperismus ­
  als  Folge  der  individualistischen  und  kapitalistischen
Wirtschaftsordnung  stand  im  Vordergrund  des  Interesses.  Daß
Abhilfe  dringend  not  tue,  wurde  allgemein  anerkannt.  Über
das  Wie  gingen  aber  die  Ansichten  auseinander.
Daß  zunächst  diejenigen  Katholiken,  welche,  wie:  de  Morogues,
  de  St.  Chamans,  Chaptal  usw.,  nichts  weiter  als  Mitglieder
der  liberalen  Schule  waren,  die  soziale  Gesundung  von  einem
Über  die  sozialen  und  wirtschaftlichen  Einrichtungen  des  ancien  régime
urteilt  de  Bonald  mit  unglaublichem  Optimismus.  Man  höre:  Die  Erblichkeit
der  Richterstellen  in  den  früheren  Parlamenten  sicherte  dem  Richterstande  eine
Unabhängigkeit,  die  er  nirgends  in  Europa  besaß.  Übrigens  war  das  Richteramt ­
  jedem  zugänglich,  denn  der  reichgewordene  Kaufmannssohn  konnte  eine
Stelle  kaufen.  Der  Umstand,  daß  reichgewordene  Bürgerfamilien  geadelt  zu
werden  pflegten,  war  eine  vorzügliche  Einrichtung  ;  sie  hinderte  das  übermäßige
Anwachsen  der  Vermögen,  denn  dem  Adligen  war  die  Erwerbstätigkeit  untersagt. ­
  Andrerseits  bewahrte  das  Erbrecht  die  Familien  vor  Zerstückelung  des
Familiengutes  und  vor  dem  Ruin.  Die  Zünfte  waren  eine  Art  städtischen  Adels,
welcher  den  geringsten  Individuen  und  den  niedrigsten  Berufsarten  Bedeutung
und  Würde  verliehen  usw.
Wenn  andrerseits  de  Maistre  den  abstrakten  Menschen  der  liberalen
Schule  geistreich  persifliert  und  schreibt,  es  gebe  zwar  Franzosen,  Italiener,
Russen  und  selbst  Perser,  nicht  aber  „den  abstrakten  Menschen“,  so  ist  das
allerdings  eine  berechtigte  Kritik,  aus  der  de  Maistre  jedoch  nichts  anderes  zu
folgern  weiß,  als  die  Vorzüglichkeit  der  ungeschriebenen  Verfassung  einer  absoluten, ­
  nationalen  Monarchie.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.