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Die Gründer der heutigen Schulen
zelne Schüler Le Plays, einerseits durch Cheysson und ins
besondere du Maroussem, andererseits durch H. de Tour-
ville und seine Freunde fortgebildet. Zu beanstanden ist aber
die von Le Play — und vielen seiner Schüler bis heutigentags
— betätigte Auswahl der typischen Familien. Du Maroussem
bemerkt treffend, daß in stark arbeitsteiligen Gegenden das
Auswahl verfahren Le Plays keine genügenden Anhaltspunkte
über den numerischen Wert der Schicht, welche die Mono
graphie kennzeichnen soll, zu bieten vermag 1 ). Schlimmer
noch ist die nahezu ausschließliche Beschränkung der Auswahl
auf erwünschte Typen, auf „glückliche“ Familien; diese ent
sprechen keineswegs der durchschnittlichen Wirklichkeit, sie
sind vielmehr Ausnahmen. Die Monographiensammlung aber
erhält durch diese Auswahl einen tendenziösen, weltfremden
Charakter, der mit der wissenschaftlichen Akribie der einzelnen
Monographie in grellem Widerspruch steht. Die wissenschaft
liche Beweiskraft des monographischen Materials Le Plays
erleidet infolgedessen schwere Einbuße. Und selbst wenn die
Familienmonographie als solche eine genügende Grundlage für
ein System der Sozialwissenschaft abgeben würde, was wir be
streiten, so müßte die Le Play sehe Sammlung aus obigen
Gründen mindestens vielseitig ergänzt werden.
Daß auch schon die eingangs festgestellten Voraussetzungen
der Methode der ganzen, großartigen Forscherarbeit Le Plays
eine a priori gegebene Tendenz auf drücken, bedarf keines wei
teren Nachweises 2 ).
1) P. du Maroussem, les Enquêtes. Pratique et Théorie, Paris, 1900.
p. 11—13.
2 ) Das Familienbudget als Zentrum der Familienmonographie wurde, wie
wir sehen werden, von de TourviUe aufgegeben. Die Gründe, welche diesen
dazu bestimmten, faßt Paul de Bousiers wie folgt zusammen: 1. Le Plays An
sicht, daß alle Handlungen, welche die Existenz einer Arbeiterfamilie ausmachen,
direkt oder indirekt auf eine Einnahme oder Ausgabe hinauslaufen, wird durch
die Tatsachen widerlegt. Die wesentlichste Funktion der Familie, die Erziehung
der Kinder, entzieht sich beispielsweise erschöpfender Wiedergabe in Ziffern.
Das Budgetschema Le Plays kennt zwar eine Rubrik: Ausgaben für sittliche
Bedürfnisse, Erholung und Gesundheit mit den Unterabteilungen : Kultus, Unter
richt, Unterstützung und Almosen ; von der Kindererziehung aber geht nirgends
die Rede. 2. Viele Handlungen des Familienlebens mögen auf eine Einnahme
oder Ausgabe hinauslaufen, aber diese steht in gar keinem Verhältnis zu der
wirklichen Bedeutung der betreffenden Handlung : wenn z. B. aufgezeichnet wird,