Die Interventionisten
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Die Ausarbeitung eines befriedigenden Programms von
Arbeiterschutzgesetzgebung war naturgemäß nicht weniger Unsicher
heiten und Schwankungen unterworfen. Anfangs stand nur
fest, daß der gesetzliche Frauen- und Kinderschutz durchaus
ungenügend sei, und daß eine wirksame Arbeiterschutzgesetz
gebung international sein müsse 1 ). Diese Anschauung weckte
das Bedürfnis nach internationaler Verständigung zwecks Auf
stellung eines einheitlichen Arbeiterschutzprogramms. So kamen
auf Anregung des Conseil des Etudes der Oeuvre des Cercles
die Unions de Fribourg und die Lütticher Kongresse zustande.
Die Unions de Fribourg waren 1884—89 jährlich in Frei
burg i. d. Schweiz tagende Versammlungen katholischer Sozial
politiker verschiedener Länder. Sie standen unter dem Einfluß
der korporativen Feudalen Österreichs (Blome, Vogelsang)
und der ihnen sinnesverwandten Franzosen (de Nun, de la
Tour du Pin). Aber auch demokratisch fundierte interven
tionistische Anschauungen (Hitze, Descurtins usw.) wußten
sich bereits Geltung zu verschaffen. Die Unions de Fri
bourg hatten mehr den Charakter intimer Beratungen; die
Öffentlichkeit derselben war eine beschränkte. Es galt eben,
erst vorsichtig miteinander Fühlung zu nehmen und das Terrain
auf die Möglichkeit einer internationalen Verständigung hin zu
sondieren. Die Unions de Fribourg beschäftigten sich
hauptsächlich mit der Kritik der kapitalistischen Wirtschafts
ordnung und mit der Frage nach den geeignetsten Mitteln und
Wegen zur Wiederherstellung der korporativen Organisation der
Gewerbe. Daneben wurden die Probleme der Sozialversicherung
und der staatlichen Arbeiterschutzgesetzgebung besprochen.
Kardinal Mermillod, Bischof von Lausanne und Genf, über
brachte Leo XIII. die Akten der Unions de Fribourg, und der
Papst verarbeitete dieselben zur Enzyklika „Rerum novarum“
vom 15. Mai 1891 2 ).
J ) Insbesondere Loesewitz, ein in Paris lebender Deutscher, welcher sich
der sozialkatholischen Bewegung angeschlossen hatte, trat als Mitarbeiter der
Association Catholique, des Monde und des Contemporain in zahlreichen Artikeln
mit Energie und Begeisterung für internationalen Arbeiterschutz, wie auch für
die korporative Organisation des Wirtschaftslebens ein.
2 ) Die Originale dieser Akten befinden sich zurzeit teils in dem in Frei
burg i. d. Schweiz befindlichen Archiv des Bistums Lausanne, teils im Privat-