Die Schule der Réforme sociale
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verwirft er die Grundsätze auch der qualitativen Auswahl
Le Plays, an denen Cheysson noch festhält. Erstens ist die
sogenannte „glückliche ,Familie' nicht ein Typus, sondern ein
gutes Beispiel, folglich eine Ausnahme“ 1 ). Sie ist also nicht
geeignet, über die durchschnittliche Beschaffenheit eines be
stimmten Milieus zu orientieren. Zweitens ist die Annahme
Le Plays, der Besitz des täglichen Brotes und das Leben nach
den Vorschriften des Dekaloges seien die absoluten Bedingungen
des Glückes bei allen Völkern und zu allen Zeiten, unrichtig.
Denn das Glück ist etwas wesentlich Belatives, von wechselnden
Bedingungen Abhängiges *).
Man wird also in einer durch die Statistik nach Zahl und
Maß begrenzten Gruppe nicht eine „glückliche“ Familie zur
monographischen Behandlung herausgreifen, sondern jedesmal
je drei Familien und zwar die beiden Extreme und eine mittlere.
Durch dieses Mittel gewinnt man „l'amplitude d’oscillation de
la variabilité des détails“ 3 ). „Das ist die neue monographische
Induktion . . ., welche sich in dem Aphorismus ausdrücken läßt:
a tribus disce omnes“ 4 ).
Dieses Prinzip der „Musterung der Extreme“, demzufolge
jede monographische Enquete aus drei Monographien bestehen
muß, liegt du Maroussems eigenen, eingangs erwähnten En
queten zugrunde. Er gibt demselben einen großzügigen, leider
ab und zu etwas paradoxen Ausbau. Du Maroussem hat
überhaupt einen paradoxen Zug, welcher dem Geltendmachen
seiner Ideen nicht förderlich ist.
Die oberste, umfassendste soziale Gruppe, welche es zu
enquetieren gibt, ist ein Volk oder ein Land. Für du Ma
roussem ist es Frankreich. Also ein kontinentales Volk von
38 Millionen Einwohnern auf bestimmtem, abgegrenztem Gebiet.
So weit die Statistik zur Umgrenzung des Milieus. Die Ge
schichte hat aus diesem Ganzen ein vielfarbiges Schachbrett
gemacht, auf welchem vielfache, ineinandergreifende Gruppie
rungen sich gebildet haben. Mittels der „Musterung der Ex
treme“ finden wir nun unter diesen Gruppen zwei entgegen-
') P. Du Maroussem, Les Enquêtes. Pratique et Théorie. Paris, 1907, p. 13.
2 ) ibid. p. 12.
3 ) ibid. p. 16.
4 ) ibid. p. 16.