Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

298 Die katholischen und verwandten Schulen in der Gegenwart 
finde sich in voller Blüte, indem sie alle Vorteile aufweise, 
welche Le Play für die Stammfamilie in Anspruch nimmt. 
Hohe Sittlichkeit, Erziehung der Kinder zu persönlicher Initia 
tive und großer Tüchtigkeit, Ansiedlung derselben draußen, fern 
vom väterlichen Herde, wo sie zumeist aus eigener Kraft neue 
Stammfamilien gründen usw. Bei alledem keineswegs Einzel 
erbfolge, trotz der Testierfreiheit, sondern gleiche Erbteilung, 
wie bei der unbeständigen Familie. Jedoch spielt das väterliche 
Erbe bei dem glänzenden Fortkommen der Sprößlinge amerika 
nischer Familien wirtschaftlich nur eine untergeordnete Rolle 1 ). 
Le Play selbst hatte bemerkt, daß die nordische Stamm- 
familie, welche er in Norwegen und in England beobachtet 
hatte, sich von der südlichen der Pyrenäen usw., die er als 
Muster hinstellte, dadurch unterschied, daß jene stärkere, unter 
nehmungslustigere Individuen erzeugte und die Außenansiedlung 
der Kinder systematischer durchführte als letztere 2 ). De Tour- 
ville knüpfte, auf den neugewonnenen Beobachtungen fußend, 
hier an, um die Art der Kindererziehung statt der Erbsysteme zur 
Grundlage einer neuen Klassifikation der Familientypen zu 
machen und damit der überkommenen Lehre des Meisters eine 
ungeahnte neue Orientierung zu geben. „Le Play hat ge 
glaubt,“ verkündet nunmehr Demo lins als Sprachrohr seines 
Freundes, „was die Stammfamilie erzeuge, sei deren Erbmodus ; 
dieser ist aber nur eine Folge aus etwas Tieferem und Absolu 
terem, welches das grundlegende Wesen der Stammfamilie aus 
macht, nämlich: die jedem Kinde gegebene Befähigung, sich 
durch sich selbst eine unabhängige Existenzgrundlage zu 
schaffen“ 3 ). 
Fortan gilt also nicht mehr die Erhaltung und ungeschmä 
lerte Erbübergabe des Gutes der Familie als deren wesentliche 
Funktion, sondern die die Fortpflanzung krönende Erziehung 
der Kinder. „Die Kindererziehung differenziert die Familien 
und die Gesellschaften,“ schreibt Pinot. „Das Kind wird als 
ungeselliges Wesen geboren. Die Familie erzieht es, um es zu 
befähigen, an den Gruppierungen der Arbeit, des Eigentums, des 
9 Vgl. Paul de Bousiers, La Vie Américaine, 2 Bde., Paris, 1891. 
2 ) Le Play, L’Organisation de la Famille, p. 83. 
3 ) Demolins, L’Etat actuel de la Science sociale, in : La Science sociale, 
Bd. XV (1893), p. 13—14.
	        
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