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etmgc «stunden gearbeitet, wenn es früh 7 Uhr zur Schule kommt und durch das an
ocm Tage bereits Erlebte, Gesehene, Gehörte wird auch in der Schule die Aufmerksamkeit
vom Unterricht abgelenkt. Hausaufgaben können bcm Kinde nicht gegeben werden
Man sollte meinen, die frühzeitige Arbeit mache die Finger geschickt. Dies ist dà
aus nicht der Fall, denn unsere Kinder sind unbeholfen und stellen sich weder mm
^reiben noch zum Zeichnen geschickt an, weil die Beschäftigung im Sticksaale eine aan-
culseitige ist, welche wenig Geschicklichkeit erfordert. — Die Kinder lernen wenig von ihrer
nächsten Uingebung kennen; was ihnen nicht am Wege zur Fabrik oder am Schulweae
üegt, hat kein Interesse für sie, daher wird über Mangel an Beobachtung geklagt
Auch das Interesse an irgend einem Unterrichts-Gegenstände zu erwecken, hält schwer ' das
Ķind hängt an der Arbeit und diese nimmt alle seine Gedanken und Sorgen in Anspruch
- - - Mit dem Eintritt in das Fabrikleben hört überhaupt die Sorglosigkeit, die Harm
losigkeit, die wohlthuende körperliche und geistige Frische auf und die Arbeit in der
Fabrik bildet nunmehr den Mittelpunkt im kindlichen Leben, während
cs in diesen Jahren nur die Schule sein sollte." (Gutachten der Lehrer in
Plauen.)
Ueberall dort, wo nur wenige Kinder die Fabrik besuchen, wird ein
besonderer (Halbtags-Unterricht) sich nicht einrichten lassen; dann aber muß
ber Unterricht vollends ungenügend sein — falls nicht alle andern Schul
kinder darunter leiden sollen. Wenn im Uebrigen auch zugegeben werden
kann, daß die Arbeit allein die Kräfte der Kinder nicht übermäßig in Anspruch
nimmt, so bleibt doch anderseits wahr, was der Fabrik-Jnspector be
züglich Lüdenscheid (1886) hervorhebt: daß die Fabrikkinder täglich
ìn Fabrik und Schule zusammen mindestens 9 Stunden (abgesehen
Non dem Wege zwischen Fabrik, Schule und Wohnung, der täglich mehrere
Male zurückgelegt werden muß) geistig und körperlich angestrengt
werden, d. h. pro Woche 54 Stunden, also 22 Stunden mehr als
bie übrigen Kinder. Jedenfalls wird für Theilnahme an den Spielen
ber Jugendgenossen in Gottes freier Natur wenig Zeit und Lust mehr
übrig bleiben, und auch die Erinnerung an die „frohen Tage der
Ķindheit und Jugendzeit" für das ganze Leben verkümmert sein.
Deutschland darf vor dem entscheidenden Schritt: Verbot der Kinder
arbeit in Fabriken um so weniger zurückschrecken, als sowohl die Schweiz
wie Oesterreich uns mit gutem Beispiel vorangegangen sind. Wie
Fabrikinspector Schuler (in seinem bereits angeführten Referat) consta-
kiren konnte: „ist es (geradezu) auffallend, wie die Opposition" — in
ļļ er Schweiz, wo auch das Verbot „zuerst zu den schlimmsten Voraussagen
Anlaß gab" — „verstummt ist und nur noch die Nichtübereinstimmung
zwischen der Schul-Gesetzgebung der meisten Kantone und dem Fabrik
gesetz als schwerer Nachtheil empfunden wird." Es muß dieses um so
wehr ermuthigen, als die Schweiz mehr noch wie Deutschland auf den
Export angewiesen ist, welcher durch die wachsenden Schutzzoll-Bestre
bungen der verschiedenen Länder noch erschwert wird. Was speciell die
oft behauptete „Unentbehrlichkeit der Kinderarbeit aus technischen