Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

324  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  ia  der  Gegenwart

sogenannten  höheren  Klassen,  sondern  nur  der  persönlichen
Tüchtigkeit  gebühre,  de  Mun  brandmarkte  damals  dieses  Beginnen ­
  nicht  mit  Unrecht  als  eine  Klassenabsonderung,  die
schlimmer  sei  als  diejenige,  welche  die  christlichen  Demokraten
zu  bekämpfen  behaupteten.  Seine  Proteste  wurden  zunächst  nicht
beachtet.  1900  gelang  es  ihm  jedoch,  die  christlichen  Demokraten ­
  dazu  zu  bringen,  auf  die  exklusive  Arbeiterpartei  zu  verzichten ­
  und  die  von  ihnen  geschaffenen  Organisationen  den  Angehörigen ­
  aller  Klassen  zu  öffnen.  Die  Démocratie  chrétienne
korrigierte  dementsprechend  ihren  prinzipiellen  Standpunkt.  Man
errichtete  ein  christlich-soziales  Generalsekretariat,  welches  zwischen ­
  den  Arbeitervereinigungen  der  katholischen  Sozialisten  und
der  Oeuvre  des  Cercles  Verbindungen  herstellen  sollte.
Andererseits  willigten  de  Mun  und  de  la  Tour  du  Pin  endgültig ­
  ein,  das  von  dem  christlich-demokratischen  Kongresse  in
Lyon  (1897)  erhobene  Postulat  paralleler  Berufsorganisationen
der  Arbeitgeber  und  Arbeiter  mit  gemeinsamen  Ausschüssen  als
Programmpunkt  der  sozialkatholischen  Schule  anzunehmen.  Wir
haben  gesehen,  daß  sie  im  Grunde  immer  für  gemeinsame  Organisationen ­
  nach  dem  Muster  der  alten  Zünfte  gewesen  waren.
Eine  bedeutsame  Förderung  der  Einheitsbestrebungen  innerhalb
der  sozialkatholischen  Schule  bedeuten  ferner  die  beiden  Werke
von  Goyau  und  Tur  mann,  in  welchen  die  gemeinsamen  Momente
der  beiderseitigen  Doktrin  eindrucksvoll  herausgearbeitet
werden  *).
Das  größte  Hindernis  einer  Einigung  im  sozialkatholischen
Lager  war  die  Divergenz  der  politischen  Anschauungen.  Der
rechte  Flügel  ist  entschieden  royalistisch  gesinnt,  der  linke  Flügel
sieht  sein  Ideal  in  der  politischen  Demokratie,  der  republikanischen ­
  Staatsverfassung.  Es  gelang  den  Anhängern  de  Muns,
ein  erfolgreiches  vermittelndes  Eingreifen  des  Papstes  auf  diesem
Gebiete  zu  erreichen.  1891—92  hatte  Leo  XIII.  die  demokratischen ­
  Geister  wachgerufen  und  ausdrücklich  und  dringend  zur
Anerkennung  der  Republik  und  zur  tätigen  Mithilfe  an  ihrem
9  Max  Turmann,  Le  Développement  du  Catholicisme  social  depuis
l’Encyclique  Rerum  novarum,  Paris,  1900.  —  Georges  Goyau,  Autour  du  Catholicisme ­
  social,  gesammelte  Aufsätze  aus  la  Quinzaine  und  Revue  des  Deux  Mondes,
bisher  4  Bde.  1900—1909;  1.  und  2.  Bd.  in  4.  Ausl.  1901—1902.  Wir  kommen
unten  auf  diese  beiden  Werke  zurück.
            
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