Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die  liberale  Schule

Kapital  und  Natur,  als  völlig  gleichstehend  behandelt.  Heute
sind  wir  geneigt,  die  preeminente  Stellung,  welche  Adam
Smith  für  den  Produktionsfaktor  Arbeit  vindiziert,  eher  zu
urgieren  als  zu  verwischen.  Die  liberale  Schule  in  Frankreich
folgt  dagegen  in  diesem  Punkte  bis  heute  den  Fußstapfen
J.  B.  Says.  Allerdings  erkannte  schon  Dunoyer,  wie  wir  gleich
sehen  werden,  daß  Natur  und  Kapital  besser  als  Produktionselemente
  angesprochen  werden,  weil  sie,  sollen  sie  wirtschaftlich
wirksam  werden,  als  rein  materielle  Dinge  einer  Zweckzuführung
durch  menschliche  Arbeit  bedürfen  ß.
Die  Betrachtung  der  wirtschaftlichen  Dinge  vom  Standpunkte ­
  der  Naturgesetze  steht  bei  J.  B.  Say  wesentlich  auf
dem  Boden  der  Montesquieu  sehen  Auffassung.  Sie  hat  die
rationalistisch-deistische  Form,  in  der  wir  sie  bei  den  Physiokraten
  und  Adam  Smith  fanden,  abgestreift.  Sie  hat  den
Charakter  des  religiösen  Glaubensbekenntnisses  gegen  den  des
Festhaltens  an  einer  wissenschaftlich  erkannten  Wahrheit  ausgetauscht. ­
  Die  Naturgesetze  sind  nicht  mehr  die  Komponenten
einer  prästabilierten,  evidenten,  natürlichen  Wirtschaftsordnung, ­
  sondern  Regelmäßigkeiten  in  der  Aufeinanderfolge  wirtschaftlicher ­
  Erscheinungen.  Das  religionsphilosophische  Element: ­
  die  Idee  vom  providentiellen  Finalismus  scheidet  aus,
die  natürliche  Ordnung  aber  bleibt,  und  deren  Fundierung  auf
geschichtliches  und  zeitgenössisches  Tatsachenmaterial  wird
unternommen.  J.  B.  Say  lehrt:  „Die  Teile,  aus  welchen  die
Gesellschaft  besteht,  die  Tätigkeit,  welche  die  Fortdauer  ihres
Daseins  ausmacht,  werden  nicht  von  ihrer  künstlichen  Organisation, ­
  sondern  von  ihrer  natürlichen  Struktur  erzeugt.  Die

i)  Der  Name  J.  B.  Say  pflegt  ferner  mit  der  sogen.  Theorie  von  den
Absatzwegen  verbunden  zu  werden.  Diese  Theorie,  welche  sich  übrigens  schon
bei  J.  Tucker,  Mengotti  und  anderen  angedeutet  findet,  ist  im  Grunde  nichts
anderes  als  eine  zu  didaktischen  Zwecken  unzulässig  vereinfachte,  keineswegs
irrtumsfreie  Problemstellung  der  auswärtigen  Handelsbeziehungen,  die  in  dem
Satze:  Produkte  gegen  Produkte,  oder:  jeder  Kauf  und  jeder  Verkauf  ist  nur
die  Hälfte  eines  Tausches,  gipfelt.  Da  jedes  Produkt  die  Absatzgelegenheit  für
ein  anderes  bedeutet,  so  wird  ein  Produzent  umso  leichter  einen  Absatz  für
seine  Produkte  finden,  je  mehr  verschiedene  Produkte  auf  den  Markt  gebracht
werden.  Daher  die  Solidarität  aller  Produzenten  und  Gewerbe.  Diese  Theorie
wurde  später  (1890)  von  Jourdan  einem  Lehrbuch  der  Nationalökonomie  zu
Grunde  gelegt.  Siehe  unten,  p.  159.
            
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