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Der Interventionismus an den Universitäten
Anschauungen, die Smith zu vereinbaren verstand, führen zu
immer entgegengesetzteren Theorien. Verschieden geartete
Lehren über die Verteilung der Güter und den Wert, historische
und abstrakte Methode, Liberalismus und Sozialismus sind ebenso
viele Auffassungen, von denen jede ihren Weg mit wechselndem
Glücke verfolgt. Eine jede umgibt sich aber mit einem Netze
von Beobachtungen und Tatsachen und bringt ihren Teil an
neuen Wahrheiten bei. So bildet sich nach und nach um jeden
großen Strom des volkswirtschaftlichen Denkens ein immer
widerstandsfähigeres und ausgedehnteres Gewebe, das ein wissen
schaftliches Gemeingut darstellt, aus dem noch die markantesten
Züge der großen Systeme hervorleuchten. Von einem bestimmten
Augenblicke an halten aber die Stäbe den Blick nicht mehr fest,
sondern das Gewebe des Fächers zieht ihn an, d. i. die Gesamt
heit der gesicherten Wahrheiten, die das dauernde Ergebnis der
Systeme ausmachen.
Während aber die Einheit der das Seiende erklärenden
Wissenschaft die Verschiedenheit der ein Seinsollendes vor
schreibenden Schulen zu überstrahlen strebt, beginnt eine neue
Einteilung, die weniger scholastisch und für den Fortschritt der
Wissenschaft fruchtbarer ist als die alte, diese frisch zu unter
mauern, so daß ein neuer Fächer sich unter dem alten zu bilden
scheint.
An erster Stelle erblickt hier das Auge die immer schärfer
ausgesprochene Trennung zwischen theoretischer Systemisierung
und Beobachtung konkreter Erscheinungen, zwischen reiner
Ökonomik und beschreibender Wissenschaft. Es sind das zwei
gleich nötige Forschungsgebiete, denen Eigenschaften entsprechen,
welche selten in einer Person vereinigt sind. Aber die Volks
wirtschaftslehre kann weder der Theorie noch der Beobachtung
entrateli. Wir fühlen nicht weniger lebhaft als früher das Be
dürfnis, die Verkettung der wirtschaftlichen Erscheinungen und
ihre gegenseitigen Beziehungen zu erfassen. Andererseits können
wir nicht darauf verzichten, die in beständiger Umwandlung
befindliche wirtschaftliche Organisation der Welt immer wieder
von neuem zu beschreiben. Die beiden gemeinten Methoden
entwickeln sich unter unsern Augen und schreiten gleichzeitig
voran, und die große Streitfrage, welche der andern überlegen
sei, scheint heute definitiv beseitigt.