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Der Solidarismus
lektivismus diesen Bestrebungen eine andere Orientierung gab.
Heute ist die Beseitigung der Lohnarbeit einer der wichtigsten
Punkte des radikal - sozialistischen Parteiprogramms. „Die
Schule,“ sagt Gide, „welche sich in der wirtschaftlichen Ord
nung die solidaristische oder kooperatistische, in der politischen
Ordnung aber die radikal-sozialistische Partei nennt“ 1 )» wirft
der Lohnarbeit vor : 1. einen unvermeidlichen Interessenkonflikt
zwischen Arbeitgeber und Arbeiter zu schaffen, 2. den Arbeiter
an guter Arbeit und am Erfolg oder Mißerfolg des Unterneh
mens interesselos zu machen. Die Lohnarbeit ist eine histo
rische Kategorie, die auf Sklaverei und Hörigkeit folgte, sie ist
mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem verknüpft und wird
mit diesem verschwinden. Der Kollektivismus sucht die Be
seitigung der Lohnarbeit dadurch zu erreichen, daß er das
' Privateigentum abschafft und die Produktionsmittel verstaatlicht.
Das würde aber nicht eine Abschaffung, sondern eine Verall
gemeinerung der Lohnarbeit bedeuten, da es auf die Ausschal
tung eines jeden selbständigen Unternehmens hinausläuft, und
die vorhandenen Arbeitgeber durch einen neuen, großen, die
Nation, deren Lohnarbeiter wir alle sein würden, zu ersetzen
strebt. Abschaffung der Lohnarbeit und Abschaffung des Eigen
tums sind zwei kontradiktorische Ziele, zwischen denen man
wird wählen müssen. Das einzige Mittel, um das erstere zu
erreichen, ist, die Lohnarbeiter in Eigentümer zu verwandeln.
Auf dem Wege durch den kollektiven Arbeitsvertrag und die
Gewinnbeteiligung wird man zu einer Arbeitsorganisation ge
langen, in der die Arbeiter als freie Mitglieder von für den eige
nen Bedarf produzierenden Konsumgenossenschaften, oder von
diesen kommanditierten Produktivgenossenschaften, Miteigen
tümer der Unternehmen sein werden, in denen sie beschäf
tigt sind.
Die politische Evolution der Menschheit geht in drei auf
einander folgenden Phasen vor sich: absolute Monarchie, kon
stitutionelle Monarchie, Republik. Es ist natürlich anzunehmen,
daß die Etappen der wirtschaftlichen Entwicklung denen der
politischen entsprechen werden : erst Zwangsordnung oder
Sklaverei und Hörigkeit ; dann Lohnarbeit ; als Übergangs-
x ) ibid. p. 666.