Die „positive“ Grundlegung der Nationalökonomie
521
von der einförmigen, in sich abgeschlossenen Gesellschaft zu
der arbeitsteiligen, von der mechanischen zur organischen Soli
darität durch das Mittel der Arbeitsteilung, nicht eine mindestens
ebenso unhistorische Voraussetzung, als die von Comte? Durk
heim ist viel zu sehr rationalistischer Theoretiker, als daß es
ihm gelingen sollte, das Ergebnis einer Beobachtung so unbe
fangen zu formulieren, daß die Formel nicht schon eine in dem
beobachteten Gegenstand nicht enthaltene Doktrin enthielte!
Durkheim passiert aber nicht nur das Mißgeschick, welches
alle jene trifft, die in den Geisteswissenschaften entweder mit
der Induktion allein, oder mit der Deduktion allein glauben
auskommen zu können, sondern er beobachtet auch schlecht.
Gewiß erzeugt die gesellschaftliche oder berufliche Arbeitsteilung
Solidaritäten, wie sie auch Rechte und Pflichten begründet.
Aber tut sie das etwa allein? Gibt es nicht neben ihr noch
viele andere Quellen von Solidaritäten, von Rechten und Pflichten ?
Anzufangen mit der allgemeinsten aller wirtschaftlichen Er
scheinungen, wie Gide sagt, dem Konsum : erzeugt dieser nicht
Solidaritäten, die sich in Genossenschaften verkörpern, welche
die beruflichen, arbeitsteiligen Differenzierungen der Individuen
nivellieren ? Erzeugt die Gemeinsamkeit der Risiken nicht etwa
die Solidarität der Gegenseitigkeitsgenossenschaft? Noch mehr,
hat Durkheim wirklich den Beweis erbracht, daß, um Soli
daritäten oder um Rechte und Pflichten zu erzeugen, eine ein
heitlich oder arbeitsteilig organisierte Kollektivität nötig ist?
Wir glauben es nicht. Die sittliche Rolle der Arbeitsteilung
im Leben der menschlichen Gesellschaft hat er jedenfalls weit
überschätzt.
Zum dritten — und damit wollen wir uns bescheiden —
beruht die enge, gegenseitige Bedingtheit der Fortschritte der
Arbeitsteilung und der Entwicklung der Persönlichkeit, das Auf
gehen dieser in den Berufsmenschen bei Durkheim auf einem
sehr zu beanstandenden, aphoristischen Persönlichkeitsbegriff.
Gide ist z. B. im Gegensatz zu Durkheim der Ansicht, daß
der Mensch erst dann so recht seine Persönlichkeit zu entwickeln
beginnt, wenn er am Abend seine Arbeitsjacke auszieht und im
für alle gleichen Gesellschaftskleide sich in irgend welcher, alle
Berufe nivellierender konsumgenossenschaftlicher Tätigkeit selbst
los für das Wohl seiner Mitmenschen betätigt.