30
Die liberale Schule
Zweitens lehrt Ricardo, jedes Anwachsen der Bevölke
rung bringe den Nichtstuern, in deren Besitz sich die bessern
Ländereien befinden, eine erhöhte Grundrente, während das
Steigen der Nahrungsmittelpreise, welche die notwendig ge
wordene Inanbaunahme unfruchtbarer, höhere Produktions
kosten erheischender Grundstücke veranlaßt, ein zunehmendes
Elend der arbeitenden Menschheit zur Folge hat. Die natürliche
Ordnung führt also nach Ricardo zu progressiver Ungleichheit.
Drittens schließen die Bevölkerungsgesetze Malthus' auf un
vermeidlichen Bauiperismus, indem sie lehren, daß die Menschen
die Tendenz haben, sich ungleich rascher zu vermehren, als die
notwendigen Subsistenzmittel.
Die Pessimisten lehren also, daß „die großen, providen-
tiellen Gesetze die Gesellschaft ins Elend stürzen“. Sie wollen
trotzdem nicht, daß man deren Wirkungen entgegen trete,
weil diese durch sekundäre Tendenzen gehemmt werden. Die
Sozialisten schließen aus demselben Satze, jene Gesetze müssen
beseitigt und durch andere ersetzt werden, „an die Stelle des
freien Werkes Gottes sei ein künstliches, von Menschenhand
errichtetes zu setzen“. Die Katholiken erkennen ebenfalls die
pessimistische Lehre an; doch sagen sie, man müsse den ge
meinten Gesetzen zu entgehen suchen, indem man auf irdische
Interessen verzichtet und den Weg der Entsagung, des Opfers,
des Asketismus, der Resignation betritt.
Allen diesen hält nun Bastiat die Worte Duponts von
Nemours entgegen : „Die natürliche Ordnung ist das Produkt
der Naturgesetze. Diese kommen vom Schöpfer aller Dinge.
Das höchste Wesen ist gut und konnte nicht das Unglück
seiner Geschöpfe wollen. Deshalb muß notwendig die natür
liche Ordnung die vorteilhafteste für das Menschengeschlecht
sein 1 ).“ Von dieser Grundidee der Stoa und des rationalisti
schen Deismus Descartes’ und Malebranches ausgehend,
entwickelt Bastiat die Idee der empiristischen Philosophen
des XVII. und XVIII. Jahrhunderts von der Harmonie aller
Interessen in geradezu großartiger Weise. Er löst das ganze
Wirtschaftsleben in Harmonien auf. Vorkommende Antagonis-
') Dupont de Nemours, Origine et Progrès d’une Science Nouvelle, Aus
gabe Guillaumin, p. 36.