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Die liberale Schule
Vorlesungen wieder selbst übernahm, blieb Baudrillart an
der Anstalt mit einem provisorischen Lehrauftrag für Wirt
schaftsgeschichte. Bald trat er jedoch vom Lehramt zurück,
um sich ausschließlich seiner ausgedehnten Forscherarbeit zu
widmen. 1855—64 hat er mit Joseph Garnier das Journal
des Economistes herausgegeben. Man hat Bau drillart nicht
unzutreffend den „aumônier“ der liberalen Schule genannt.
Neben seinem salbungsvollen, etwas rührseligen Wesen gab dazu
Veranlassung seine Auffassung vom Wirtschaftsleben: diese
beruht auf der Idee, es sei notwendig, daß die ethischen Wahr
heiten die allzu rigorosen wirtschaftlichen Gesetze milderten.
Die konsequente Betonung und Durchführung dieser Idee gibt
Baudrillarts wissenschaftlicher Lebensarbeit ihr eigentüm
liches Gepräge. Im übrigen lehnt er sich eng an die Gedanken
gänge Bastiats und M. Chevaliers an.
Von Bastiat übernahm er den Optimismus und die Idee
der Harmonie im Wirtschaftsleben, welche er zu einer Harmonie
von Ethik und Wirtschaftsleben erweitert '). Auch schließt er
sich Bastiats Wertlehre rückhaltlos an 2 ). Chevaliers Ein
fluß äußert sich in Baudrillarts Grundidee. Baudrillart
ist aber zurückhaltender als jener. Jedesmal, wenn er die Not
wendigkeit des Schutzes der wirtschaftlich Schwachen betont,
tut er es unter zahlreichen Bücklingen nach den orthodoxen
Nichtinterventionisten hin.
Baudrillarts Grundidee hat vier Ausläufer. Diese sind:
1. Es gilt vor allem die ethischen Gesetze zu formulieren, welche
Individuen und Gemeinwesen bei dem Erwerb und Verbrauch der
wirtschaftlichen Güter leiten sollen; 2. die ethische Wertung
wirtschaftlicher Dinge ist auf jeder Wirtschaftsstufe verschieden
und bedingt darum auch jeweils verschiedene wirtschaftspoli
tische Einrichtungen und Maßnahmen ; 3. umgekehrt hängt die
Moralität der Völker und der verschiedenen Klassen innerhalb
eines Volkes wesentlich von wirtschaftlichen Ursachen ab; 4. es
gibt natürliche, gegebene Beziehungen zwischen dem Naturrecht,
b Baudrillart, Des rapports de l’économie politique et de la morale,
2. Aud., p. X.
*) Vgl. insbesondere: Baudrillart, Manuel d’économie politique, III, 2,