10. Kap. Die verschiedenen Zweige der Consumtion.
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Maismehl leben, was dann an den dort so häufig vorkommenden Er
krankungen an Pellagra die Schuld trägt.
Die Regel, daß die Ernährungsweise eines Volkes nicht die Ursache,
sondern das Resultat der socialen Verhältnisse ist, erleidet eine Ausnahme.
Das Auftreten einer Hnngersnoth infolge einer schlechten Ernte steht bisweilen
mit den socialen Verhältnißen, die in einem Lande herrschen, in keinem Zu
sammenhange; aber auch nur bisweilen, denn meistentheils kann eine Hungers-
noth trotz des schlechten Ausfalls der Ernte vermieden werden. Es lassen sich
dreierlei Arten von Vorkehrungen dagegen treffen: 1. solche, welche die Miß
raten durch Bewässerungs-, Trockenlegungs- u. dgl. Arbeiten und vor allem
durch bie Erhaltung oder die neue Anpflanzung von Wäldern, welche die
Übeln Einwirkungen der Trockenheit, der Ueberschwemmungen und schädlicher
infecten verhindern oder wenigstens vermindern, fern zu halten suchen; 2. em-
bşiehlt es sich, die Übeln Folgen der Mißernten dadurch abzuschwächen, daß
man verschiedenartige Nutzpflanzen cultivirt, da es nicht wahrscheinlich ist,
daß die Ernte in allen Culturgattungen gleichzeitig schlecht ausfallen wird,
oder dadurch, daß man die verschiedenen Länder durch gute Communicationen
miteinander in Verbindung setzt; denn es ist nicht anzunehmen, daß alle
legenden zugleich von Mißernten heimgesucht werden, wie denn auch das
Ansammeln von Vorräthen für die kommenden schlechten Jahre sehr räthlich ist;
^ muß auch Fürsorge getroffen werden, daß die Nahrungsmittel in die Hände
berjenigen gelangen, die derselben bedürfen. Wo immer infolge von Hungers-
noth ernstliche Leiden eintreten, kann man voraussetzen, daß auf einem dieser
^ei Gebiete der Vorsorge grobe Unterlassungssünden begangen worden sind.
c ° waren die Hungersnöthe, welche den durch den Gelben Fluß in Nord
en angerichteten Ueberschwemmungen folgten, wahrscheinlich durch Unter-
offuugen der erstgenannten Art veranlaßt worden, die Hungersnoth hingegen,
welche im Jahre 1866 an der indischen Oriffaküste ihre Verheerungen an
úlete, erwies sich hauptsächlich als Folge von Mißgriffen der zweiten Art.
5 waren keine Nahrungsmittelvorräthe vorhanden, und das Land konnte nur
Mittelst eines einzigen Straßenznges erreicht werden, während die Annäherung
ouf dem Wasserwege einen Theil des Jahres hindurch unmöglich war. So
Nutzte beinahe eine Million Menschen dem Tode erliegen, bevor Nahrungs-
^ìktel in genügender Menge herbeigebracht werden konnten. Tie Ausbreitung
er Dampfschiffahrt und des Eisenbahnnetzes über alle civilisirten Gegenden
^ alle Welttheile hat die Möglichkeit, daß Hungersnöthe aus derartigen
künden entstehen, bedeutend eingeschränkt. Anders verhält es sich mit den
^ Ursachen der dritten Art erwachsenden Nothständen. In Irland z. B.
Mar zur g c it der großen Hungersnoth der Jahre 1845—184, der größere
heil des Landes leicht zugänglich, und von den beiden dort hauptsächlich
îkvas.Kämpf», Bolkswirtschaftķlkhre. 10