Fünfter Abschnitt.
Das Oströmische Reich und der Islam.
Wohl nirgends tritt die Unzulänglichkeit in der Verwendung
der beiden Termini: Natural- und Geldwirtschaft, so deutlich
zutage wie in der Beurteilung der Wirtschaft des Oströmischen
oder Byzantinischen Reiches. Überwiegend doch wohl ist
dasselbe als geldwirtschaftlich charakterisiert worden, ja ein
neuerer Wirtschaftshistoriker, L. M. Hartmann, hat in geistvoller
Weise geradezu eine Antithese zwischen Byzanz und den Staaten
des Westens im Mittelalter aufgestellt!). Der byzantinische Staat
hat ob seiner höheren Wirtschaftsstufe seine Kräfte in ganz
anderer Weise wirksam zur Geltung bringen können als der
naturalwirtschaftliche Staat des Frühmittelalters im Westen
Europas. Scharf pointiert tritt dieselbe Anschauung auch bei einem
Schüler L. M. Hartmanns hervor?): „Die überragende Macht des
Oströmischen Reiches beruht auf seiner geldwirtschaftlichen
Grundlage im Gegensatz zur Naturalwirtschaft der mit ihr in
freundlichen oder feindlichen Beziehungen stehenden staaten-
ähnlichen Gebilde der Barbaren.“
Anderseits ist von nationalökonomischer Seite doch im An-
schluß an eine Darstellung des Zunftwesens Konstantinopels im
co. Jahrhundert behauptet worden), daß damals noch im Byzanti-
nischen Reich die allgemein vorherrschende wirtschaftliche Ent-
wicklungsstufe durchaus — von Städten wie Konstantinopel,
Alexandrien, Saloniki abgesehen — die geschlossene Hauswirt-
1) Ludo Moritz Hartmann, Ein Kapitel vom spätantiken und frühmittel-
alterlichen Staate. 1913, bes. S. 11.
?) Ernst Stein, Studien zur Gesch. des Byzantinischen Reiches, vornehmlich
unter d, Kaisern Justinus II. u. Tiberius Constantinus. 1919, S. 3.
*) H. Gehrig, Das Zunfiwesen Konstantinopels im ro. Jahrhundert. Jbb.
f. Nat. Okon. u. Statistik 93, 5. 577 ff. (1909), bes. S. 595.