Object: Das Ich und der Staat

!: V. Überstaatliche Bindungen des Jchs 
so völlig wie möglich im Deutschtum aufgehen. Und es gibt drittens 
Juden, die den Rassenunterschied dadurch überwinden wollen, daß 
sie umbildend auf das Deutschtum einzuwirken und es ihrem 
Rassenempfinden nach Möglichkeit anzupassen versuchen. 
Nur dieser dritten Schicht gegenüber besteht eigentlich noch eine 
Judenfrage. Denn sowohl dem jüdischen Ich gegentiber, das Nichts- 
als-Jude sein und bleiben will, wie dem jüdischen Ich gegenüber, 
das deutsch werden möchte, soweit es das noch nicht ist, sollte die 
Stellungnahme des deutschen Ichs keiner Frage mehr bedürfen. 
Dem jüdischen Ich gegenüber, das es ablehnt, deutsch zu sein oder 
zu werden, wird das deutsche Ich das Recht bestreiten, über Fragen 
der völkischen Schicksalsgemeinschaft überhaupt mitzureden. Dem 
jüdischen Ich gegenüber, das ohne Vorbehalt deutsch sein und 
werden will, wird es jede praktische Beschränkung der grundsätz- 
lichen Gleichberechtigung ablehnen. Bleibt nur noch die Frage: wie 
stellt das deutsche Ich sich zu dem jüdischen Ich, das zwar auf die 
volle Gleichberechtigung Anspruch macht, aber unter dem Vorbehalt, 
sie in erster Linie dazu auszunutzen, das Deutschtum für seine 
Zwecke und sein Empfinden umzumodeln? 
Eine Vorfrage: von wannen kommt dieser dritten Schicht ~ zu 
der die geistig regsamsten und anspruchsvollsten Juden gehören, die 
nämlich, denen das Geldmachen allein nicht Genüge tut – von 
wannen kommt ihnen die Meinung, man könne das Deutschtum 
mit der Zeit so umkneten, daß es dem Judentum die Anpassung er- 
spare, dieweil es sich selbst angepaßt habe? Vielleicht aus der Zeit, 
da die deutschen Juden in die deutsche Volksgemeinschaft eintraten. 
Das erste, schicksalhafte Erlebnis, das sie in und mit der Volksge- 
meinschaft hatten, war der Befreiungskampf gegen die napoleonische 
Zwingherrschaft. War aber auch die große Enttäuschung, die hinter- 
her kam: und nicht die Juden allein hatten die Empfindung, für 
die Zwingherrschaft des gestürzten Napoleons, der immerhin von 
unten gekommen und durch die Schule der Revolution gegangen 
war, die Zwingherrschaft des ungekrönten Königs von Mitteleuropa, 
Metternichs eingetauscht zu haben, der wieder von oben, vom 
ancien régime herkam. Die Juden aber, die alle die Zeit des 
Ghettos noch in lebendiger Erinnerung hatten, waren gegen ent- 
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