Full text: Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

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Selbstverständlich kann man durch Verbindung der Geldeinkommen und 
der Kaufkraft in Bezug auf bestimmte Gegenstände gewisse Eigentümlich 
keiten des Standards feststellen, welche eben Wohnung, Nahrung usw. der 
Menge nach nebeneinander stellen. Gegen derartige Ergebnisse ist oft 
nichts Wesentliches einzuwenden.i«) Grundsätzlich aber ist wohl die unmittel 
bare Erfassung des Lebensstandards vorzuziehen. 
Statistische Erhebungen, die auf die Reichtumsbetrachtung hin orientiert 
sind, stimmen zum Teil mit solchen überein, welche die Möglichkeiten der 
Bedarfsdeckung ohne unmittelbare Beziehung auf die Lust- und Unlustbedin 
gungen gewissermaßen nur technisch untersuchen. Diese technische Rechnung 
stellt fest, welche Mengen eines Stoffes im Inlande unter gewissen Bedingungen 
erzeugt werden können, welche eingeführt, welche ausgeführt werden. Diese 
allgemeinen Betrachtungen können durch Hinweis auf die innere Ökonomie 
ergänzt werden, indem z. B. noch der Weg der Rohstoffmengen im Inlande 
verfolgt wird, die einzelnen Industrien mit ihrem Eingang und Ausgang in 
Rechnung gestellt erscheinen.Diese Erhebungen setzen eine Ausgestaltung 
der Erzeugungsstatistik voraus i*), wie sie durch den Krieg ebenfalls gefördert 
wurde. Auch dort, wo bisher, wie in Österreich, die gewerbliche Erzeugungs 
statistik nur für wenige Erzeugungszweige bestand, ist sie während des Krieges 
durch die staatliche Kontrolle praktisch sehr ausgedehnt worden. 
Innerhalb der Staaten müßten die statistischen Zentralen in der 
Lage sein, führend aufzutreten, selbst dann, wenn die Erhebungen dezentrali 
siert erfolgen sollten. Daß es gelingen sollte, eine Weltwirtschafts 
statistik auf Grund einheitlicher Erhebungen zu schaffen, ist sehr unwahr 
scheinlich. Wohl aber kann für eine einheitlichere wissenschaftliche 
Verarbeitung Sorge getragen werden. Dazu ist es nötig, daß 
einer bestimmten Auffassung von den angestrebten Zie 
len allgemein Geltung verschafft wird. Die obigen Dar 
legungen sollten zeigen, daß hierzu die Naturalrechnung 
eine geeignete begriffliche Grundlage zu geben ver 
möchte. 
Nur auf Grund einer solchen systematisch geschaffenen oder improvi 
sierten Universalstatistik sind wir imstande, eine einigermaßen befriedigende 
Kriegs Wirtschaftsrechnung für die einzelnen Volkswirtschaf 
ten und für die Weltwirtschaft zu entwerfen. 
5 Ursächliche Zurechnungen der Reichtumsveränderungen,. 
Bisher wurde nur die Frage erörtert, wie man überhaupt Daten für eine 
Reichtumsbetrachtung gewinnen könnte. Nun fragt es sich, was wir mit den 
selben anfangen können, wenn wir sie bereits besitzen. 
Vor allem wird die Frage gestellt werden: Wie hat der Krieg auf den 
Reichtum gewirkt? Soweit die Schmerzen und Freuden zu berücksichtigen 
sind, welche der Krieg unmittelbar erzeugte, stehen wir vor einer kaum zu 
lösenden Aufgabe. Man begnügt sich daher vielfach mit einer weit engeren 
1®) Vergl. z. B. Tyszka, Löhne und Lebenskosten in Westeuropa im 
IQ. Jahrhundert. Leipzig 1914, und Tyszka, Lebenshaltung der arbeitenden 
Klassen. Jena 1912. Mit Beispielen für beides. 
!■') Als Typus einer solchen technisch orientierten Naturalrechnung sei 
etwa C. Ballod, Autarkie oder Weltwirtschaft ? (Europ. Staats- u. Wirt- 
schaftsztg. 1916, S. 1067) erwähnt. Es setzt sich so eine Art der Natural 
rechnung durch, wie sie z. B. Popper-Lynkeus in seiner allgemeinen 
Nährpflicht gefordert hat. Mit der Frage, welche Einrichtungen die Bedarfs 
deckung sichern, hat die grundsätzliche Verwendung der Na 
turalrechnung zunächst nichts zu tun. Vergl. W. L. Haus 
mann, Der Goldwahn, 1911, S. 280 f. 
O. N er schm an n. Gewerbliche Produktionsstatistik, Leipzig 1916. 
ist ein Beispiel für das in dieser Richtung wachsende Interesse.
	        
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